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„Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ im Kino

Uncle Boonmee

Apichatpong Weerasethakuls Filme sind wie der Dschungel selbst, ein organisches Labyrinth, das dem ordnenden Blick viele Angebote macht und viele Zugänge zulässt, ohne einen besonderen deutlich zu privilegieren. „Uncle Boonmee …“, der von den letzten Lebenstagen eines nierenkranken alten Mannes in einem nordostthailändischen Bauerndorf erzählt, ist ein Film von betörender Schönheit und spiritueller Kraft, der Rätsel aufgibt und den man doch keinesfalls erklärt bekommen möchte. Unter die Verwandten und Freunde von Uncle Boonmee mischen sich im Verlauf des Films seine verstorbene Frau und sein verschollener Sohn – in Affengestalt. Bei einer Reise in den Dschungel nähert sich Boonmee seinen märchen­haften, früheren Leben. So entsteht leise eine überwältigende Kinoerzählung, in der das Heilige dem Profanen nicht entgegengesetzt, sondern ganz selbstverständlicher Teil der Realität ist.
Ein Frühherbsttag im voroktoberfestlich aufgeputzten München, das fast exotischer wirkt als Weerasethakuls Thailand. Treffpunkt ist das Haus der Kunst, in dessen pathetischer NS-Architektur ein zierlicher, jugendlicher Mann mit Brille wartet. Weerasethakul wirkt eher wie ein kulturbeflissener Austauschstudent als wie der international renommierte Regisseur und Künstler, der letztes Jahr hier seine große Multimedia-Installation Primitive Project präsentiert hat, den konzeptuellen Vorläufer von „Uncle Boonmee“.

Apichatpong Weerasethakultip Herr Weerasethakul, was bedeutet Ih­nen Erfolg?
Apichatpong Weerasethakul Wenn ich einen Filme mache, ist das, als müsste ich in eine Schlacht ziehen. Am liebsten würde ich mich umbringen. Erfolg ist für mich der Moment, wenn ich den fertigen Film ins Kopierwerk schicke. Zu Premieren und Festivals zu gehen, ist wie eine Dusche nach anstrengender Arbeit, wie eine Belohnung. Außerdem konnte „Uncle Boonmee“ in Thailand ohne Zensureingriffe veröffentlicht werden – das ist die echte Magie der Goldenen Palme!

tip Als Sie „Uncle Boonmee“ in Cannes vorstellten, tobten in Bangkok Straßen­schlachten. Die Unruhen haben Sie als
dringend überfälligen politischen Auf­bruch gewertet. Schon seit den Zensur­eingriffen an „Syndromes and a Century“ engagieren Sie sich in der Bewegung Free Thai Cinema. Welche Rolle spielt Politik bei Ihrer Arbeit?
Weerasethakul Ich bin eigentlich kein politischer Filmemacher, ich erzähle von meiner Familie, meinen Erfahrungen. Aber die Politik hat sich in den letzten fünf Jahren in meine Filme gedrängt. Mir wurde bewusst, dass ich politisch nur halbgebildet war, weil das Spektrum dessen, was in der Schule gelehrt wird, sehr reduziert ist. Deshalb gab es unter der jüngeren Generation in Thailand auch keinen politischen Diskurs. Wir hatten nichts zu sagen, weil wir nichts wussten. Mit den Unruhen hat sich das geändert, über das Internet, über Twitter und Facebook entsteht jetzt eine politische Gesprächskultur. Meine Fil­me sind politisch in dem Sinne, dass sie meine eigene politische Bewusstwerdung reflektieren.

tip „Uncle Boonmee“ entstand in dem Dorf Nabua im Nordosten Thailands, der von den 60ern bis in die 80er-Jahre zwischen Kommunisten und Regierungstruppen umkämpft war. Die meisten Männer wurden getötet, der Ort „Dorf der Witwen“ genannt. Heute sind diese Vorfälle weitgehend vergessen. Welche Bedeutung hat „Erinnerung“ für Sie?
Weerasethakul Ich bin selbst ein sehr vergesslicher Mensch. Ich mache Filme, um mich zu erinnern. Es ist ein Ausdruck der Wertschätzung für diese subjektive Realität. Ich führe zwei parallele Leben, ein reales und ein gefilmtes, die sich manchmal überschneiden und beeinflussen. Das halte ich für sehr wichtig, denn auch Thailand als Ganzes ist vergesslich. Wir vergessen unsere politische Geschichte sehr schnell und weigern uns, daraus zu lernen. Deshalb kommt es immer wieder zu politischer Manipulation und Straßenkämpfen: weil wir unsere Erfahrung geringschätzen.

Apichatpong Weerasethakultip Ihre letzten Filme hatten eine klar zweigliedrige Struktur, ein Abbrechen und Neuansetzen der Erzählung in der Mitte. Auch in „Uncle Boonmee“ gibt es eine deutliche Veränderung, die sich allerdings viel organischer vollzieht. Nachdem die Besucher eine Weile auf der Farm verbracht haben, scheint die Membran zwischen Lebenden und Toten durchlässig zu werden.
Weerasethakul Das Konzept war diesmal eben die Untrennbarkeit. Der Gegenstand des Films sind Leben und Tod, Hell und Dunkel, die ich nicht gegeneinander setzen wollte. Außerdem war mir diese Form zu einengend geworden, hatte sich zur Formel verhärtet, die mein Denken einschränkte und nicht zu diesem Film passte. Filmemachen ist ein spontaner, or­ganischer Prozess, der sich keinen Dogmen unterwerfen darf. Ein Film ist wie ein Tier – jedes Tier ist anders und man weiß nicht, wie man es zähmen soll. Anders als Hitchcock es gesagt hat, ist für mich das Drehbuch erst der Anfang. Auch nach Abschluss der Dreharbeiten ist noch vieles offen. Ein Film sagt dir auf jeder Stufe, was er braucht.

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 21/10 auf den Seiten 38-39.

Interview: Stella Donata Haag

Foto oben: Sayombhu Mukdeeprom

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Uncle Boonmee…“ im Kino in Berlin

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben (Loong Boonmee raleuk chat), Thailand/E/D/GB/F 2010 Regie: Apichatpong Weerasethakul; Darsteller: Thanapat Saisaymar (Boonmee), Jenjira Pongpas (Jen), Sakda Kaewbuadee (Tong); 113 Minuten

Kinostart: 30. September

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