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Unknown Pleasures 2015 im Babylon Mitte

Welcome To New York

Kein Zweifel, das ist Gйrard Depardieu, der da auf die Fragen von Reportern antwortet. Aber jeder Zuschauer, der eine Kinokarte für „Welcome to New York“ kauft, weiß natürlich, dass es darin um Dominique Strauss-Kahn geht, den einflussreichen Banker, der vielleicht sogar Nachfolger von Nicolas Sarkozy als französischer Präsident geworden wäre, wenn er nicht in New York des sexuellen Übergriffs bezichtigt und festgenommen worden wäre. Abel Ferraras Film ist ein Insert vorangestellt, das bei aller proklamierten Authentizität der Darstellung die künstlerische Freiheit für sich beansprucht – im Namen der Wahrheit, die eben nicht restlos aufgeklärt wurde. So bewahrt der Film bei allen dokumentarischen Momenten seinen Charakter als Spielfilm, als inszeniertes Spiel mit der Wirklichkeit.
Damit ist er prototypisch für eine ganze Reihe von Filmen, die diesmal auf dem Programm des Festivals Unknown Pleasures stehen: so, wenn der Musiker Willis Earl Beale in „Memphis“ einen Musiker spielt (und dazu noch selber in Berlin ein Konzert gibt), wenn sich in „Actress“ Cinйma Veritй mit Inszeniertem mischt, wenn der Prozess des Filmemachens in „Here’s to the Future“ reflektiert wird und in „For the Plasma“ die Bilder von Überwachungskameras den Ausgangspunkt der Geschichte bilden.
Dass die Filmemacher selbst älter geworden sind, merkt man ihren Geschichten an.  Diese handeln gleich mehrfach von fragilen Familienbanden, die durch eine Außenseiterfigur nachhaltig gestört werden, etwa in Joe Swanbergs „Happy Christmas“, John Magarys „The Mend“ und Nathan Silvers „Uncertain Terms“.
Burying The ExIm regulären Kinoprogramm wird man diese Filme kaum sehen können, und während Joe Dante 2013 im deutschsprachigen Raum gleich zweimal mit einer Retrospektive und dazugehörigen Monografien gewürdigt wurde, kommt sein neuer Film „Burying the Ex“ nach der deutschen Erstaufführung bei Unknown Pleasures im Frühjahr gleich als DVD-Premiere heraus. Mit „Burying the Ex“ hat Dante einen weiteren selbstreflexiven Film für alle Filmfans gedreht, speziell die Liebhaber des Horrorfilms: Hier wandelt sich die Freundin des Protagonisten von der Traumfrau zur Albtraum­frau, die ihn nach ihrem Unfalltod in zombifizierter Form heimsucht und seine neue Liebe zu zerstören sucht. In den 1980er-Jahren hätte das vielleicht noch das Teenie­publikum an­gelockt, heute wirkt der Film altmodisch (ob hoffnungslos altmodisch oder angenehm altmodisch, muss jeder Kinogänger selber entscheiden) angesichts der digitalen Materialschlachten des Blockbuster-Kinos.
Eine Hommage an und eine Reflexion über das Trivialkino betreibt übrigens auch Thom Anderson in dem hinreißenden „The Tony Longo Trilogy“, der in nur 14 Minuten einem überwiegend in filmischem Trash tätigen Nebendarsteller seinen Tribut zollt.

Text: Frank Arnold

Foto oben: JUNE PROJECT PHOTO NICOLE RIVELLI PHOTOGRAPHIE © 2013

Foto unten: Koch Media

Unknown Pleasures. American Independent Film Fest, Do 1.1. bis Fr 16.1. im Babylon Mitte

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