Filmfestival

Unknown Pleasures 2019

Ganz im Wesentlichen: Die zehnte Ausgabe von Unknown Pleasures präsentiert erneut Highlights der unabhängigen US-Filmproduktion

Sixteen By Nine Jumbo

Es geht aufs Land, flaches, weites. Aber auch in die ­Wälder, durch die sich Straßen ihren Weg bahnen, hügeliges Gelände, über das man in Autos kurvt. Es geht in die Kleinstädte. Kurz: Überall dorthin, wo man sonst nicht hinkommt. In dieser nunmehr zehnten Ausgabe von Unknown Pleasures – American Independent Film Fest ist man unterwegs, zum Beispiel in sehr großen Fahrzeugen, Pick-ups und Traktoren. Und verharrt dabei trotzdem.

In vielen der präsentierten Langfilme im Arsenal, die bis auf John Sayles’ „Lone Star“ von 1996 alle aus der aktuellen US-Indie-Produktion stammen, schraubt man sich ins Wesentliche. Wesentliches, das sich möglicherweise einstellt, je ruhiger und verlassener es um einen wird. Und je bedrohlicher.

So ergeht es Diane (2018) im gleichnamigen Film von Kent Jones. Jones, Direktor des New York Film Festivals, hat hiermit seinen ersten Spielfilm vorgelegt und prompt einen Wettbewerbsplatz in Locarno ergattert. In Berlin wird er das von Hannes Brühwiler souverän kuratierte Festival eröffnen. Aber wer ist Diane? Im Grunde eine ganz gewöhn­liche Frau, die alleine in einem Kaff in Massachusetts lebt und der Jones mittels seiner Regie recht nahe kommt, aber trotzdem keinen Trost anzubieten weiß. Diane, von Mary Kay Place mit verhaltener Tiefe gespielt, hat eine Menge im Griff oder bemüht sich zumindest darum: Ihre Cousine liegt mit ­Gebärmutterhalskrebs im Sterben, während ihr Sohn Brian (Jake Lacy) auf einem Sofa verwahrlost und in kreativen Episoden gar nicht mal schlechte Kritzeleien produziert.

Es ist eine Welt, die ein wenig an die von Kenneth Lonergan erinnert, in „Manchester by the Sea“ (2016) oder auch in „You Can Count on Me“ (2000). Eine Welt, in der man immer den nächsten Coffee-Mug zu erschnuppern meint, ein Mann mit Cap auf dem Kopf an irgendeiner Tankstelle steht. Vor dem Essen preist man den Lord. Auf den lässt sich auch berufen, wenn mal wieder eines der Kinder aus der Reihe tanzt. Wie Cameron (Chloë Grace Moretz) in The Miseducation of Cameron Post. Angesiedelt in den frühen 90ern, wird Cameron von etwas ergriffen, das sich „SSA“ nennt – „same-sex attraction“ – und in ein Camp geschickt, das die aufblühenden Begierden in christlichere Tugenden verwandeln soll. Joel Edgerton hat das Thema auch in „Der verlorene Sohn“ aufgegriffen (ab 21.2. im Kino).

Befallen, und zwar mutmaßlich von Würmern, sind hingegen drei Frauen in Penny Lanes Youtube-Found-Footage-Body-Horror The Pain of Others, der in die ­Hölle einer Krankheit namens Morgellons hinabsteigt, ein medizinisch nicht anerkanntes Leiden, bei dem den Betroffenen haarähnliche Gebilde wachsen. Davon hat in Monrovia, Indiana von Frederick Wiseman sicherlich noch niemand gehört. Und auch der ehemalige Militärpfarrer Ernst ­Toller (Ethan Hawke) in Pauls Schraders First Reformed ist wohl mit anderen Dingen befasst – definitiv aber mit Kirchenjubiläen. Wuselige Stimmung herrscht indes in Patrick Wangs zweiteiligem Kulturzentren-Epos A Bread Factory, in dem die Community einer fiktiven Kleinstadt mit dem Einfall von Konzeptkünstlern fertig werden muss. Eine hoffnungslose Suche nach Bestand und Sicherheit – auch hier.

Unknown Pleasures #10 – American Independent Film Fest 1.– 21.1., Arsenal, vom 10. bis 20.1. laufen weitere Filme im Kino Wolf, www.unknownpleasures.de

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