Kino & Stream

Unknown Pleasures #4 im Babylon Mitte

Boxing Gym

Der große amerikanische Dokumentarist Frederick Wiseman hat mehrfach Filme über Ballett gemacht. Das Tanzen ist ihm so wichtig, dass er sich mit Compagnien in New York und Paris beschäftigt hat, und mit ein bisschen Augenzwinkern kann man nun sogar seinen neuen Film „Boxing Gym“ (Foto oben) in diese Reihe stellen. Denn auch hier geht es um flinke Füße, wenngleich eben in dem Zusammenhang, in dem erst Muhammad Ali das Tanzen eingeführt hat – beim Boxen. Wiseman hat in Texas in einem Studio gedreht, in dem unterschiedlichste Menschen den Faustkampf lernen. Bevor sie aber überhaupt in den Ring dürfen, müssen sie sich in endlosen Übungen vorbereiten. „Boxing Gym“ ist ein friedlicher Film über den Drill, der dem Zweikampf vorausgeht. Immer wieder die gleichen Schrittfolgen und Schlagkombinationen, eine fast schon rituelle Arbeit an der Verfeinerung und dabei eigentlich Überwindung der Aggression. Was an Gewalt in der Gesellschaft vorhanden ist, kommt
hier – wie in so vielen anderen Filmen von Wiseman – trotzdem zur Sprache. Die Leute reden in den Trainingspausen von ihren Erfahrungen, fast zehn Jahre nach 9-11 ist der Krieg gegen den Terror immer noch allge­genwärtig.
In Berlin ist „Boxing Gym“ am ersten Tag des neuen Jahres zur Eröffnung des Festivals „Unknown Pleasures“ zu sehen, das nun schon zum vierten Mal einen Überblick über aktuelle amerikanische Independent-Filme gibt. Wiseman, der seit mehr als vierzig Jahren kontinuierlich seine Nische bewirtschaftet, ist ein exzellentes Beispiel dafür, was „unabhängiges“ Kino heute sein kann. Er zeugt auch davon, dass mit zunehmendem Alter nicht notwendigerweise der Ausverkauf an die Industrie erfolgen muss.
TerriEin guter Teil des regulären Programms von „Unknown Pleasures“ stammt allerdings erwartbar von jüngeren Regisseuren. Sophia Takal, die mit „Green“ ein dichtes Psychodrama im Ökomilieu vorgelegt hat, ist gerade einmal Mitte zwanzig, während Azazel Jacobs, der in „Terri“ (Foto links) von einem stark übergewichtigen Jungen im High-School-Alter erzählt, immerhin bald 40 wird. Von Joe Swanberg, seit einigen Monaten erst ein „Thirtysomething“, läuft bei den American Independents noch einmal „Silver Bullett“, eine  reflexive Kinophantasie, die beim letzten Forum der Berlinale viele Fans fand. Und die Dokumentaristin Lee Anne Schmitt, von der kürzlich bei der „Viennale“ schon eine erste Werkschau zu sehen war, zählt im Grunde auch immer noch zum Nachwuchs. In Berlin läuft von ihr „The Last Buffalo Hunt“, eine Beobachtung in Utah bei Menschen, die viel Geld ausgeben, damit sie auf einen der wenigen verbliebenen Bisons auf dem Kontinent anlegen dürfen. Zwischendurch ist hier auch einer der übelsten Obama-Witze zu hören, die man sich denken kann. In solchen Details erweist sich die lakonische Beobachtungsgabe von Schmitt als unge­heuer wertvoll.
Ein leicht ins Unheimliche verschobener Blick auf Amerika prägt viele Filme bei „Un­known Pleasures“, keinen aber wohl stärker als „Martha Marcy May Marlene“, in dem eine junge Frau vor einer Art Sekte flieht, die von einem Alphamann und Vergewaltiger mit sinistrem Charisma geführt wird. Das Debüt von Sean Durkin, das zu den überraschendsten amerikanischen Filmen des Jahres zählt, läuft als Vorpremiere und wird im neuen Jahr auch regulär ins Kino kommen.
We Can't Go Home AgainZwei Schwerpunkte runden das Programm von „Unknown Pleasures“ ab: Der eine ist Nicholas Ray gewidmet, der andere Martin Scorsese. Von Ray, der mit Hollywood-Filmen wie „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ berühmt wurde, wurde kürzlich sein Spätwerk „We Can’t Go Home Again“ (Foto rechts) aus den Archiven gehoben, eine kühne und auch anstrengende Kollektivarbeit, in der er mit einer Gruppe amerikanischer Studenten die Enttäuschungen von 1968 zu verarbeiten versuchte. Zu dieser Low Budget-Produktion, die mit Split Screens und Improvisationsgestus große Anforderungen an das Pu­blikum stellt, gibt es auch noch eine instruktive Dokumentation unter dem Titel „Don’t Expect Too Much“, zu deren Präsentation Susan Ray, die Witwe von Nicholas Ray, in Berlin erwartet wird.
Martin Scorsese wiederum, dem der zweite Schwerpunkt bei „Unknown Pleasures“ gilt, ist ein großer Bewunderer von Ray, zum Beispiel wegen dessen exzentrischem Western „Johnny Guitar“. Mit seinen Spielfilmen zählt Scorsese nicht zum Independentsektor, aber er dreht ja nebenbei immer auch noch kleinere Sachen, in denen er seinen persönlichen Vorlieben in der populären Kultur nachgeht. So widmete er sich mit „Public Speaking“ der New Yorker Schriftstellerin Fran Lebowitz, und in „A Letter to Elia“, für den er sich der Unterstützung des Journalisten Kent Jones versicherte, rsikierte er eine sehr persönliche Annäherung an den politisch umstrittenen Kollegen Elia Kazan, der sich durch eine Aussage vor dem berüchtigen McCarthy-Ausschuss in den Fünfzigerjahren unmöglich gemacht hatte.
Als Regisseur hatte Kazan allerdings viele Interessen, die ihn mit Nicholas Ray verbanden, und so schließt sich hier einer der vielen Kreise im Zusammenhang dieses Festivals, das die ersten Wochen des neuen Jahres gleich einmal mit einer starken Ladung Kino füllt.

Text: Bert Rebhandl

Foto „We Can’t Go Home Again“: The Nicholas Ray Foundation

Unknown Pleasures #4 – American Independent Film Fest, So 1.1. bis So 15.1., Babylon Mitte

www.babylonberlin.de/unknownpleasure2012

Mehr über Cookies erfahren