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„Unknown Pleasures #5“ im Babylon Mitte

The We and the I

Der Musikvideokünstler und Filmemacher Michel Gondry hat sich nach seiner Großproduktion „The Green Hornet“ gleich wieder an die Ränder des Business zurückgezogen und in New York einen großartigen Low-Budget-Film gedreht: „The We and the I“ (Szenenfoto) zeigt eine Schar von Schülern, die am letzten Tag vor den Ferien mit dem Bus nach Hause fahren. Manche haben eine ziemlich lange Fahrt vor sich (eineinhalb Stunden, so lang wie der Film), andere steigen früher aus. Gondry bleibt die meiste Zeit im Bus und dokumentiert die Interaktionen der Jugendlichen: Partyeinladungen werden besprochen, Flirts werden versucht, einige ältere Jungs erweisen sich als Quälgeister, zwei Stille zeichnen auf ihrem Schreibblock, sie sind vermutlich die Stellvertreter des als scheu bekannten Regisseurs, der gleichwohl immer genau weiß, was jugendkulturell gerade so abgeht.
Für das Festival Unknown Pleasures, das vom Neujahrstag an zwei Wochen lang nun schon zum fünften Mal einen Überblick über den Stand des US-Independentkinos gibt, ist „The We and the I“ ein perfekter Auftakt, denn Gondry agiert hier dezidiert unabhängig von den Zwängen einer Filmindustrie. Es hat beinahe schon etwas von Sozialarbeit – oder aber auch von ethnographischem Kino –, was er hier so macht.
Wesentlich kühler, aber mit einem vergleichbaren Interesse an den Ausprägungen der Adoleszenz erzählt Dan Sallitt in „The Unspeakable Act“ von einem weißen Mädchen in Brooklyn, das in seinen wenig älteren Bruder verliebt ist. Auch hier geht es um ersten Sex und um die Experimente, aus denen sich Erfahrungen und Identität ergeben. Während Gondry sich durch die Busfahrt eine formale Linie vorgibt, sind das bei Sallitt die psychotherapeutischen Sitzungen, in denen das Mädchen Jackie sich ganz auf seine ausgeprägte Reflexivität zurückgeworfen sieht. Die Filmauswahl bei Unknown Pleasures ist auch in diesem Jahr so, dass sich ein Trend oder sonst eine übergeordnete Logik nicht ausnehmen lässt. Das Heterogene bekommt in Abel Ferraras „4:44 Last Day on Earth“ einen apokalyptischen Fluchtpunkt, während Kurator Hannes Brühwiler mit einem Special Program zu dem irgendwie fast schon verschollen geglaubten Indie-Intellektuellen Whit Stillman („Metropolitan“) dem Festival ein interessantes Kontrastmittel injiziert.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Quelle: Mars Distribution

Unknown pleasures # 5, American Independent Film Festival, Di 1.1. bis Mi 16.1.2013, Babylon Mitte

www.unknownpleasures.de

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