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„Unknown Pleasures“-Festival im Babylon Mitte

The AnchorageVon Nordkorea wäre es nur noch ein paar Schritte in ein fiktives Land wie Rocaterrania, das gänzlich der Imagination des Zeichners Renaldo Kuhler entstammt. Seit 60 Jahren arbeitet der Künstler an einer Nationalgeschichte, die einzig und allein seinen Vorstellungen entspringt, die nachhaltig durch eine schwie­rige Kindheit geprägt wurden. In seiner  Doku „Rocaterrania“ stellt Brett Ingram den Exzentriker vor.
Manchmal umfasst der Oberbegriff „American Independent“ eine ziemlich globale Angelegenheit, wie es etwa bei „The Anchorage“ der Fall ist, einem Film des in Tokio lebenden Schweden Anders Edström und des Kaliforniers C. W. Winter, die gemeinsam die Geschichte von Ulla erzählen, einer Frau, die allein auf einer Insel vor Stock­holm lebt. Außer den Erfahrungen mit der Natur passiert nicht viel in „The Anchorage“, irgendwann taucht ein Jäger auf, der die kalte Harmonie stört. Gedreht wurde in Schweden, produziert aber in Los Angeles, wo C. W. Winter an der Kunsthochschule CalArts studiert hat.
Am Ende aber ist dann doch New York die essenzielle Stadt des Independent-Films. Hier kommen all die Welten zusammen, die auf den Exkursionen von „Unknown Pleasures“ erschlossen werden. Hier beginnt das Filmemachen tatsächlich an jeder beliebigen Straßenecke, so auch in „Go Get Some Rose­mary“ von Josh und Benny Safdie, die an einem Hotdog-Stand die Fährte von Lenny aufnehmen. Lenny ist 34 Jahre alt, zufällig trägt er den gleichen Namen wie der Protagonist in James Grays „Two Lovers“, und auch darüber hinaus gibt es manche Ähnlichkeit. Lenny ist nicht gerade perfekt organisiert in seinem Leben, nun holt er auch noch seine beiden Söhne von der Schule ab, die eine Weile bei ihm bleiben sollen. So ist das jedes Jahr, so auch dieses Jahr, das Los von Scheidungseltern und Trennungskindern. „Go Get Some Rosemary“ ist ein Ka­tastrophenfilm im Alltäglichen, weit abseits aller Blockbuster, aber nahe dran an den vielfältigen „Unknown Pleasures“ des un­abhängigen Kinos.

Text: Bert Rebhandl

Unknown Pleasures – American Independent Film Fest, Babylon Mitte; Fr 1.1. bis Di 19.1.

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