Kino & Stream

„Unknown Pleasures“-Festival im Babylon Mitte

Two LoversDie großen amerikanischen Städte bestehen häufig aus kleinen europäischen Städten und Ländern. In New Orleans gibt es ein French Quarter, fast überall gibt es ein Little Italy, in New York gibt es auch noch ein Little Odessa. Diese russisch-jüdische Enklave liegt am äußersten Rand von Brooklyn, unweit von Coney Island am Atlantik. Hier ist auch der Filmemacher James Gray zu Hause, der sein Debüt „Little Odessa“ 1994 einfach so genannt hat wie die Gegend, in der er sich auskennt. Lokale Zugehörigkeit gehört zum Ethos des unabhängigen Kinos, deswegen ist es nur konsequent, dass auch der vierte Film von James Gray wieder dort spielt, wo er begonnen hat: „Two Lovers“ ist die Geschichte eines psychisch fragilen Mannes, Leonard Kraditor, eindringlich gespielt von Joaquin Phoenix. Leo­nard zieht durch die Gegend und fotografiert aufgegebene Läden. Er hat es nicht leicht mit sich selbst, und er macht es auch dem Mädchen nicht leicht, das ihm zugeneigt ist. Sandra (Vinessa Shaw) ist vielleicht einfach zu nett, um mit der blonden Schönheit Michelle (Gwyneth Paltrow) mithalten zu können, die gerade neben Leonard eingezogen ist und ihn ständig mit ihren zahlreichen Problemen konfrontiert.
„Two Lovers“ ist ebenso sehr ein Film über ein Milieu wie über eine konkrete Liebesverwirrung. Die Eltern haben viel mitzureden, die Kinder sind längst erwachsen, aber nie so richtig unabhängig geworden. Im Kontext des amerikanischen Kinos ist der Film von James Gray ein wenig heimatlos, gerade weil er so spezifisch von den Lebensformen in einer ausgeprägten Kultur wie der von Little Odessa handelt. Einen größeren Start hat „Two Lovers“ nicht gehabt, stattdessen gab es nach einem Kinoeinsatz in einigen Städten auch gleich eine Ausstrahlung im digitalen Bezahlfernsehen. Und in Deutschland hat James Gray nie so richtig den Status eines anerkannten Autorenfilmers erreicht.
Nun taucht „Two Lovers“ im­merhin im Zusammenhang des „Unknown Pleasures – American Independent Film Fest“ auf, das ab 1. Januar zum zweiten Mal eine umfangreiche Auswahl aus dem amerikanischen Filmschaffen jenseits der Studioproduktion bietet. Auch in diesem Jahr gibt es wieder Arbeiten, die zumindest in Teilen dem Klischee von American Indies entsprechen, das so im Umlauf ist: Da tauchen dann meistens redselige Nerds auf, die originell über die Defizite hinwegquasseln, die sich aus dem kleinen Budget ergeben.
Doch insgesamt be­eindruckt der Reichtum an Ideen und filmischen Strategien und die Vielzahl an Interessen. So verlangt es sicher einigen Mut, um sich einen Film wie „The Juche Idea“ auszudenken, ein Mocku­mentary über Nordkorea, in dem eine Menge relevanter Details steckt, und zugleich unsere (Nicht-)Beziehung zu diesem so fremden, diktatorisch regierten Land sehr lustig hinterfragt wird. Kann das Kino heute noch eine propagandistische Funktion haben? Wenn ja, muss man vermutlich erst wieder die Bedingungen dafür schaffen, und Nordkorea erscheint bei Jim Finn auch als gigantisches Experiment in Sachen (hermetischer) Öffentlichkeit.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren