Kino & Stream

„Unknown Pleasures“ 2010 im Babylon Mitte

And Everything Is Going Fine

Ein leerer Tisch, ein Stuhl, mehr braucht es manchmal gar nicht, um zu Beginn eines Films ein wenig Spannung zu erzeugen. Der Mann, der sich nach einiger Zeit hinsetzt, heißt Spalding Gray. Er war in den USA eine Berühmtheit, in einem Fach, in dem man sich in unserer beschleunigten Medienkultur erst einmal eine Nische erkämpfen muss: Gray hielt Monologe, lange, rhetorisch kunstvolle Vorträge über im Wesentlichen sich selbst, sein problematisches Verhältnis zur Welt und sein Naheverhältnis zu Depression und Tod. An diese einzigartige Figur erinnert Steven Soderbergh mit „And Everything Is Going Fine“ (Foto oben), in dem er Material von und mit Spalding Gray in einen biographischen Bogen montiert, der ähnlich kunstvoll ein abgründiges Porträt entstehen lässt, wie es der Mann zu tun pflegte, dem dieser Film gewidmet ist. Für Soderbergh ist dies schon wieder eine unerwartete Station in einer Karriere voller Überraschungen, und er weist sich damit neuerlich als im besten Sinne unabhängiger amerikanischer Filmemacher aus.
„And Everything is Going Fine“ passt damit auch hervorragend in das Programm von „Unknown Pleasures“, der dritten Ausgabe des „American Independent Film Fest“, das am Neujahrstag im Babylon Mitte beginnt. In den vergangenen Jahren konnte man bei dieser Gelegenheit so tolle neue Talente wie die Brüder Josh und Benny Safdie entdecken, in diesem Jahr ist die Auswahl der Filme und Schwerpunkte wieder in großen Teilen exzellent. Neben dem Hauptprogramm, in dem wesentliche neue Filme aus dem Bereich des unabhängigen amerikanischen Kinos präsentiert werden, gibt es 2011 zwei Special Programs, die wichtigen Vertretern dieses Felds gewidmet sind: Thom Andersen und John Gianvito sind, bei aller Unterschiedlichkeit in ihren Methoden, beide eindeutig der politischen Linken zuzuordnen.
Profit Motive and the Whispering WindDer in Los Angeles lebende und lehrende Andersen geht in seinen Arbeiten häufig film- und medienhistorisch vor, er hat mit „Los Angeles Plays Itself“ einen großen Essay über die Westküstenmetropole gestaltet, indem er Filmausschnitte aus vielen Jahrzehnten miteinander kombiniert hat. Seine Untersuchung über den Kinopionier „Eadweard Muybridge: Zoopraxographer“ setzte 1974 Maßstäbe für eine Archäologie des Films als Bewegungsmedium. Den Anlass für das Special Program fand der Kurator von „Unknown Pleasures“, Hannes Brühwiler, in dem aktuellen Kurzfilm von Andersen, „Get Out of The Car“, der sich neuerlich mit Los Angeles beschäftigt.
John Gianvito wurde 2007 mit „Profit Motive and the Whispering Wind“ (Foto links), einem konzeptuellen Dokumentarfilm über eine untergründige Geschichte linker Kämpfe in den USA, einem einschlägigen Publikum bekannt. Bei „Unknown Pleasures“ gibt es nun die Gelegenheit, einerseits seinen neuesten Film „Vapor Trail (Clark)“ zu sehen, eine umfangreiche Recherche zu der Hinterlassenschaft der amerikanischen Militärpräsenz auf den Philippinen, andererseits lohnt sich unbedingt sein Hauptwerk „The Mad Songs of Fernanda Hussein“, in dem er 2001 die Auswirkungen des Golfkriegs von 1991 auf Menschen in New Mexico beobachtete.
I'm Still HereMit Andersen und Gianvito gewinnt „Un­known Pleasures“ noch an politischem Gewicht, das das Festival schon in den Jahren zuvor mit Regisseuren wie Lance Hammer für sich beanspruchen konnte. Im Hauptprogramm steht dafür am ehesten der Alltagsrealismus von Matt Porterfield (-> Porträt), während es hier aber auch ein breites Spektrum vor allem ästhetisch experimenteller Filme gibt. Das beginnt schon mit dem Eröffnungsfilm „Tetro“, für den Francis Ford Coppola nach Argentinien gereist ist – längst ist der Regisseur der „Godfather“-Trilogie vom Mainstreamkino weit entfernt, aber auch zu Indie-Konventionen geht er durch manchmal ein wenig forcierte Kunstanstrengungen auf Abstand.
Casey Afflecks „I’m Still Here“ (Foto rechts), in dem der Schauspieler Joaquin Phoenix seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft vollzieht oder eher wohl nur so tut, spielt mit seinem Hipster-Understatement mit verschiedenen Formen von Hype, will aber wohl doch selbst den größten (und coolsten) auslösen. Deutlich jenseits all dessen ist das, was Harmony Korine in „Trash Humpers“ veranstaltet: ein Fake-Home-Movie über Leute mit Greisenmasken, die Mülltonnen rammeln. Das sieht ein wenig aus wie „Jackass“ ohne Mutproben, lässt aber immer noch Kontinuitäten zu seinen beeindruckenden Frühwerken wie „Gummo“ erkennen – und steht nebenbei auch in einem interessanten Spannungs­verhältnis zu den Kopfgeburten eines Spalding Gray.

Text: Bert Rebhandl

Unknown Pleasures – 3. American Independent Film Fest, Sa 1.1. bis So 16.1., Babylon Mitte

Eine Programmübersicht finden Sie auf der Homepage des Babylon Mitte:
[Unknown Pleasures]

Lesen Sie hier ein Porträt: Der Filmemacher Matt Porterfield

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