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„Unser letzter Sommer?“ im Kino

Ostpolen, irgendwo zwischen Warschau und Treblinka, Sommer 1943. Die Deutschen haben die Macht und das Sagen; es gibt einen Bahnhof, ein Dorf und ein Konzentrationslager, das man nicht sieht. Das sich aber bemerkbar macht. Während der Pole Romek mit den Zügen rangiert und zurückgelassene Koffer plündert, zieht der gleichaltrige Deutsche Guido als Angehöriger der Sicherheitspolizei durch die Wälder. Zwei 17-Jährige, die sich ihr Leben anders vorgestellt haben, als es in diesem Sommer verläuft. Denn Guido verliebt sich in die Polin Franka und Romek trifft auf die Jüdin Bunia.
Figurenkonstellation und Handlungsgerüst von „Unser letzter Sommer“, den Michal Rogalski nach eigenem Drehbuch als deutsch-polnische Koproduktion realisierte, muten schematisch an. Und doch hat man den Verlust der Unschuld und die Zurichtung zur Grausamkeit so noch nicht gesehen. Nicht plakativ in Szene gesetzt, nicht symbolhaft sichtbar gemacht. Vielmehr spürbar als Wirkung von Ereignissen auf vier junge Menschen und als dauerhafte Beschädigung.
Aus der Spannung zwischen normalen Charakteren, die Nichtalltägliches erleben, bezieht der Film eine Dramatik, die zunächst nur subkutan wirkt, dann aber vehement und gnadenlos ins Tragische umschlägt. Mittels seines von großer Ruhe geprägten Inszenierungsstils präpariert Rogalski, unterstützt von der präzisen Arbeit seiner Schauspieler, den systemischen Sadismus und das tief destruktive Wesen des Naziregimes heraus. Eine Destruktivität, die hier alle erfasst und die nicht nur die Vernichtung der Körper zum Ziel hat, sondern vor allem die Auslöschung der Seelen. Am Ende bleiben leere Hüllen zurück, beliebig ideologisch befüllbar, und die Verrohung der Welt ist weiter vorangeschritten. Der Krieg wird den kleinen Ort einholen und der Holocaust nicht länger unsichtbar bleiben.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Alexander Janetzko/ Agentur Stand Art/ Farbfilm Verleih

Orte und Zeiten: „Unser letzter Sommer“ im Kino in Berlin

Unser letzter Sommer, Deutschland/Polen 2014; Regie: Michal Rogalski; Darsteller: Jonas Nay (Guido), Filip Piotrowicz (Romek), Gerdy Zint (Odi); 100 Minuten

Kinostart: Do, 22. Oktober 2015

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