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„Unten Mitte Kinn“ im Kino

Unten Mitte Kinn

Die Luft in dem kahlen Studioraum scheint zu vibrieren, wenn von den Wänden rhythmisches Stampfen widerhallt. „Unten Mitte Kinn“ brüllt der Bewegungslehrer einer Gruppe von Schauspielschülern in Nicolas Wackerbarths gleichnamigem Spielfilm zu. Sein Drillkommando aktiviert jede Körperfaser schweißtreibend, doch die vollkommene Durchlässigkeit für das kreative Spiel, die mit der Übung erreicht werden soll, ist nur ein hohles Versprechen.
„Unten Mitte Kinn“ zieht einen in die geschlossene Welt einer Schauspielschule hinein, in der fünf Frauen und drei Männer kurz vor dem Examen in eine große Krise stürzen. Wie soll die Truppe beim Intendantenvorsprechen überzeugen, wenn der zuständige Dozent sich nicht herbeilässt, Maxim Gorkis „Nachtasyl“ mit ihnen zu erarbeiten? Woher Phantasie und Nerven nehmen, wenn jeder riskiert, herausgegriffen, angebrüllt, in die Ecke gestellt und für dumm erklärt zu werden?
„Das sind fiktive Szenen, aber keine Fiktionen. Was wir im Film zeigen, ist noch harmlos“, erklärt der Regisseur. „Anpassungsdruck und Existenzangst sind doch reale gesellschaftliche Zustände, die heute jeden treffen.“ Er erinnert an die Selbstmorde von Ingenieuren des Autokonzerns Renault, die der Manipulation nicht mehr standhielten. Sein Film, das Binnendrama einer Gruppe sympathischer Schauspiel-Hysteriker, die sich zu verlieren drohen, ist so gesehen eine Allegorie auf allgegenwärtige Machtstrukturen.
Nicolas Wackerbarth sucht den Diskurs über Subtexte, seine Interessen als langjähriger Mitherausgeber (gemeinsam u.a. mit den Regisseuren Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg) der Filmzeitschrift Revolver sind auch im Gespräch über sein Spielfilmdebüt sofort präsent.
Aber konkrete Situationen, Orte, an denen Bewegung und persönliche Erfahrung entsteht, liegen ihm mehr als abstrakte Pamphlete. Zum Gespräch lädt er mich in die Berliner Akademie der Künste ein, wo die überraschende Schlussszene von „Unten Mitte Kinn“ gedreht wurde. Was muss passieren, damit ein in Zerfallsprozesse verstrickter Haufen ehrgeiziger junger Egozentriker zusammenfindet und mit souveränem Understatement den Aufstand gegen ihren hassgeliebten Direktor probt?
Nicolas Wackerbarth arbeitete selbst als Schauspieler auf den großen Bühnen in Frankfurt und Köln, bevor er sein Regiestudium an der Film- und Fernsehakademie in Berlin absolvierte. Spielen, Situationen erfinden und zu einer existentiellen Erfahrung weiterentwickeln, das ist auch politisches Probehandeln. Vor allem: Filme, die die Arbeit am Schauspiel ernst nehmen, bringen das Kino zu sich selbst. „Ich möchte das Gefühl für Gegenwart im Kino wiederherstellen“, erklärt Wackerbarth die Arbeitsweise, die seinem Abschlussfilm „Unten Mitte Kinn“ trotz der Not der Protagonisten eine warme Temperatur, einen anziehenden Überschuss an Vitalität und am Ende eine gute Portion visionäre Kraft verleiht.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 26/11 auf den Seiten 42-43.

Text: Claudia Lenssen

Foto: Bernhard Keller

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Unten Mitte Kinn“ im Kino in Berlin

Unten Mitte Kinn, Deutschland 2011; Regie: Nicolas Wackerbarth; Darsteller: Kathleen Morgeneyer (Anna), Anne Müller (Nele),
Luise Berndt (Luise); 89 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 8. Dezember

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