Kino & Stream

„Unter Schnee“ im Kino

Unter Schnee

Ulrike Ottinger führt ihre lebenslange Faszination mit den alten asiatischen Kulturen auf eine mongolische Truhe zurück, die sie mit neun Jahren im Hause eines befreundeten Malers durchstöbern durfte. Diese Welterkundung mit Augen und Fingern wurde später ergänzt durch die Kamera. Die Filme von Ottinger sind selbst Schatzkästchen, so randvoll mit Herrlichkeiten, dass sich unter dem Sichtbaren immer noch weitere Ebenen verbergen. Ihr neuester Film heißt dann auch programmatisch „Unter Schnee“.
Echigo, eine abgeschiedene, bergige Gegend an der japanischen Westküste, liegt die Hälfte des Jahres unter einer meterhohen Schneedecke. Der Film betont gleich zu Anfang seine Herkunft aus einem Buch: der „Schneeland-Symphonie“, den Aufzeichnungen des gebildeten Krepphändlers Bokushi Suzuki, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts regelmäßig im Frühjahr ins Schneeland reiste, um die edlen, über den langen Winter entstandenen Stoffe einzukaufen. Ottingers Neugierde entzündet sich stets an schon Gewusstem; ihre Landschaftserkundungen sind nicht getrieben von der Suche nach der ursprünglichen Natur, sondern von der Faszination für die kulturellen Wechselbeziehungen von Landschaften mit ihren Bewohnern.
Ottinger begann ihre künstlerische Laufbahn in den 1960er-Jahren in Paris als Malerin und findet im Schnee eine weiße Leinwand, auf der Menschen Spuren hinterlassen: durch Gestalten wie Buchstaben, durch Häuser und Wege oder auch durch die in der weißen Landschaft zum Trocknen ausgebreiteten Kreppbahnen, akkurat wie analytische Malerei. Doch Ottinger zeigt nicht nur her, sie erzählt auch vom Leben im Schnee, seinen Freuden und Gefahren. Ihr Personal ist archaisch und märchenhaft: Weber und Köhler, Wandermusikanten und Waldgeister, Kabukispieler und eine schöne Füchsin. Und dazwischen zeitgenössische Menschen mit Goretex-Jacken, die im Vollzug der alten Rituale zum organischen Teil dieser zugleich tröstlichen und feindseligen Landschaft werden, Zeitbrücken schaffen, auf denen sich der Film selbstverständlich und gelegentlich auch verwirrend bewegt. Wie präzise das im Detail gedacht ist, erschließt sich dem Zuschauer nicht spontan, der Film fordert Bereitschaft, sich auf die assoziativen Schleifen der Autorin einzulassen, ihrem neugierigen, wunderbar ablenkbaren Blick zu folgen.

Text: Stella Donata Haag

Foto: RealFiction Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Unter Schnee“ im Kino in Berlin

Unter Schnee, Deutschland 2011; Regie: Ulrike Ottinger; 108 Minuten; FSK 0

Kinostart: 15. September

Der Ulrike-Ottinger-Herbst: Im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen präsentiert das Haus der Kulturen der Welt bis So 30.10. die von Ulrike Ottinger konzipierte Ausstellung „Floating Food“. Das Kino Arsenal widmet ihr ab So 18.9. eine umfassende Filmreihe mit begleitenden Gesprächen. Anlässlich der Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2011 an Ottinger zeigt der Neue Berliner Kunstverein ab Sa 26.11. das malerische Frühwerk.

Mehr über Cookies erfahren