Kommentar

„Unterschätzt“ von Lars Penning

Keine andere Filmgattung ist über die Jahre derart auf den Hund gekommen wie der Dokumentarfilm über historische Themen

Lars Penning

Schuld daran ist vor allem das Fernsehen, wo man längst den fragwürdigen Unterhaltungswert schwurbeliger Historienmalerei erkannt hat und besonders gern mit Nachinszenierungen von Ereignissen arbeitet, von denen es sonst kein bewegtes Bildmaterial gibt: Schnell einen Statisten in die Uniformjacke gesteckt – und fertig ist der Napoleon. Das ist einfach, preiswert – und hoffnungslos blöd. Ich fühle mich dann immer an einen Satz erinnert, den einst der Filmredakteur einer deutschen Sendeanstalt aus der Chefetage zu hören bekam: „Sie müssen jetzt aber auch mal daran denken, dass nicht jeder unserer Zuschauer das Abitur hat.“
Was eine dreiste Beleidigung von Menschen ohne Abitur darstellt und wohl meinen soll, dass man sich gefälligst am kleinsten gemeinsamen Nenner zu orientieren habe. Leider verfestigen sich derartige Strukturen über die Jahre, irgendwann glaubt dann jeder, es ginge gar nicht mehr anders. Natür­lich geht es auch anders, wie augenblicklich Katrin Rothes innovative Animationsdokumentation „1917 – Der wahre Oktober“ über Künstler in den Zeiten der russischen Revolution zeigt (Kritik S. 40). Dass auch hier Gelder von Fernsehsendern (Arte, RBB, SRF) drin­stecken, stimmt ein wenig hoffungsfroh. Denn auch in Tagen des Quotenwahns gilt eine kluge Bemerkung des französischen Filmregisseurs Alexandre Astruc: „Sein Publikum überschätzt man nie genug.“

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