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Untoter mit Kassenbrille: „Il Divo“ im Kino

Il DivoSchon das Plakat macht deutlich, dass den Zuschauer hier keine dokumentaristische Aufarbeitung der Polithistorie erwartet: In intensivem Schwarz-Rot schwebt die undurchdringliche Miene Andreottis über seinem Gefolge, das in forscher „Wild Bunch“-Pose ausschreitet – der Pate und seine Gang. „Il Divo – Der Göttliche“ ist kein linear erzähltes Bio-Pic, sondern eine Studie über die schmutzige Dynamik des Machterhalts. Giulio Andreotti war Meister dieser Kunst, sieben Mal Premierminister, 25 Mal Minister, zentrale Figur der Christdemokraten, die Italien von 1946 bis 1992 ohne Unterbrechung regierten. Und verwickelt in fast alle Nachkriegsskandale, von den Putschversuchen der Freimaurerloge P2 über verschiedenste Mafiakontakte und Schmiergeldaffären bis zu den Morden an dem Politiker Aldo Moro und dem Richter Giovanni Falcone.
Andreotti, der zigmal angeklagt, aber nie verurteilt wurde, bleibt dem Zuschauer ein Mysterium. Der Film ist zu klug, um zu behaupten, was niemals bewiesen wurde, und baut auf die argumentative Macht der Masse. Regisseur Sorrentino schwebte eine Art Rockoper vor, eine theatralische Widersprüchlichkeit, durch die sich der Täter zugleich als Leidensfigur zeigen lässt, mal unbeweglich im Zentrum wie die Spinne im Netz, mal eingezwängt ins Bildgeviert wie Bacons Päpste. Toni Servillo wurde für seine Darstellung des Presidente völlig zu Recht mit dem Europäischen Filmpreis geehrt, denn erst seine nosferatuhafte Blutleere macht aus dem Machiavellisten einen Untoten mit Kassenbrille, der den Zuschauer ohne psychologisierende Vereinnahmung in seinen Bann zieht.
Paolo Sorrentino, Jahrgang 1970, ist einer der wichtigsten italienischen Regisseure der jüngeren Generation und steht mit seinem Hang zum Grotesken und der Wahrhaftigkeit durch Übertreibung eher in der Tradition von Federico Fellini als der von Politregisseur Francesco Rosi. Die filmische Rhetorik – Bilder, Schnitte, Inserts, Musik – ist durchglüht von Wut und Faszination, von einem barocken Auftrumpfen gegenüber dem Unbegreiflichen. Die Stärke des Films ist unmittelbarer Effekt seiner stilistischen Inkonsequenz: mal faktenreiche journalistische Investigation, mal surreale Innerlichkeit, mal bombastischer Action-Pop а la Tarantino – und die Wechsel dazwischen oft abrupt und hochkomisch.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Lesen Sie hier: Regisseur Paolo Sorrentino im Interview

Il Divo – Der Göttliche (Il Divo), Italien 2008; Regie: Paolo Sorrentino; Darsteller: Toni Servillo (Giulio Andreotti), Anna Bonaiuto (Livia Andreotti), Carlo Buccirosso (Paolo Cirino Pomicino); Farbe, 117 Minuten

Kinostart: 16. April 2009

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