Kino & Stream

US-Independent-Filme auf der Berlinale

So richtig unabhängig ist das amerikanische Independent-Kino heute eigentlich nicht mehr. Das Geld kommt oft von den „Filmkunst“-Sparten der Kinokonzerne, dadurch sind die Indies in vielen Fällen nicht mehr Gegenentwurf zu Hollywood, sondern wirken eher wie Arbeitsproben. Nach drei imposanten Low-Budget-Filmen hat David Gordon Green etwa in den Mainstream gewechselt („Ananas Express“), viele anfängliche Autorenfilmer arbeiten heute für Pay-TV-Sender wie HBO oder Showtime. Welchen Weg werden Debra Granik und Matthew Porterfield einschlagen? Im Forum sind beide mit spröden, melancholischen Sozialstudien vertreten: Amerika ganz unten, Kriminalität und Drogen als Flucht­wege aus dem Elend, zerbrochene gesellschaftliche Verhältnisse, im Schrank eine Schusswaffe. Und in beiden Geschichten steht ein Abwesender im Mittelpunkt.
In Graniks im abgelegenen amerikanischen Zentralhochland spielendem „Winter’s Bone“ ist das Jessup Dolly, ein vorbestrafter Kleinkrimineller. Der verschwindet kurz bevor er eine Haftstrafe antreten soll, jetzt sollen seine psychisch kranke Ehefrau und ihre drei Kinder den kargen Besitz – ein mickriges Haus mit etwas Forstbetrieb – verlieren, um die verfallende Kaution zu zahlen. Die 17-jährige Tochter Ree (Jennifer Law­rence) mag sich damit nicht abfinden. Doch die Suche nach dem Vater wird zum Abstieg in eine gewalttätige Halbwelt, Mauern des Schweigens überall. Was als Sozialdrama beginnt, wird zunehmend zum Kriminalfilm: Das Landleben als verzweifelter Überlebenskampf.
Auch Matthew Porterfields „Putty Hill“ zeichnet kein einladendes Amerika-Bild, auch hier ist die Hauptfigur abwesend. Der Mittzwanziger Cory, Skater mit Drogenproblemen, ist tot, die bevorstehende Trauerfeier bringt Verwandte und Freunde zurück in den heruntergekommenen Vorort von Baltimore. Porterfield zeigt den Alltag junger Leute am unteren Ende der sozialen Leiter, im Skaterpark, am Pool, im Wald, beim Tätowieren.
Porterfield ergänzt seine Beobachtungen durch quasi-dokumentarische Interview-Segmente. So erweisen sich beide Filme doch als auf jeden Fall innerlich unabhängig. Sie geben unge­schlif­­fene, ungeschönte Zustandsbeschreibungen einer kaputten Ge­sellschaft.

Text: Thomas Klein

Putty Hill (Forum)
18.2., 20.00,
Cubix 9
19.2., 16.30, CineStar 8
20.2., 19.00, Delphi
21.2., 16.30, Arsenal 1

Winter’s Bone (Forum)
19.2., 13.45,
CineStar 8
20.2., 20.00, Colosseum 1
21.2., 19.30, Babylon

ZUr Übersicht: Heute auf der Berlinale 

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