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„Utopians“ im Kino

Utopians

Mit dem klassischen indischen Gruß „Namaste“ beginnt ein Mann in mittleren Jahren seine Yoga-Klasse. Ein Häufchen Lernwilliger hat sich in dem großen Loftraum versammelt, aber es ist nicht zu übersehen, dass Roger nicht ganz bei der Sache ist. Er hat ja auch eine Menge um die Ohren. Gerade erst ist seine Tochter Zoe aus dem Dienst bei der Armee zurückgekehrt, nun muss Roger sich auch noch um ihre Freundin Maya kümmern, die an einer „bipolaren Störung“ leidet. Dass Schizophrenie auch so etwas wie eine Grundverfasstheit des modernen Lebens sein könnte, das deutet Zbigniew Bzymek mit seinem in Brooklyn gedrehten Debütfilm „Utopians“ zumindest an. Denn in der verschachtelten Form dieses nur in Ansätzen klassisch narrativen Films steckt auch so etwas wie eine Dekonstruktion geläufiger Persönlichkeitsbilder und Verhaltensmuster. Das eigentliche Rätsel in „Utopians“ betrifft denn auch vor allem die Motivation: Es bleibt durchweg ein wenig unklar, warum Roger, Zoe und Maya sich in bestimmten Situationen so verhalten, wie sie es tun. Zwar wird allmählich so etwas wie eine denkbare Chronologie erkennbar (die Yoga-Stunden wären dann Rückblenden), aber vielfach macht sich eine Apathie breit, die als klinische Depression genauso erscheinen könnte wie als Erschöpfung aufgrund chronisch prekärer Lebensumstände.
So wird „Utopians“ zu einem nicht immer leicht verkraftbaren Gegenentwurf zu jeglicher Hipster-Idylle – um die Ecke mögen durchaus coole Leute in den Tag hinein leben, und auch der Afroamerikaner Morris, der Roger mit der Renovierung seines Hauses beauftragt, kennt wohl das bessere Leben, doch Roger ist deutlich anzusehen, dass für ihn das Leben ein Kampf ist, der ihm zunehmend an die Substanz geht. „Utopians“, der im weiteren Umfeld der bekannten Avantgarde-Theatertruppe Wooster Group entstanden ist, ist vergleichbar mit „Go Get Some Rosemary“ von Josh und Benny Safdie (der in Berlin beim Unknown Pleasures Festival #2 lief) – in beiden Fällen durchzieht eine erschütternde Verunsicherung die gesamte Welt des Films, und man gewinnt den Eindruck, dass man nirgends einsamer und verlorener sein kann als im Mutterland des Individualismus, den USA.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Arsenal Institut

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Utopians“ im Kino in Berlin

Utopians, USA 2011; Regie: Zbigniew Bzymek; Darsteller: Jim Fletcher (Roger), Courtney Webster (Zoe), Lauren Hind (Maya); 84 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 5. Januar

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