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„Valley Of Love“ im Kino

Valley of Love

Die Anweisung klingt bizarr: für eine Woche im November sollen zwei seit langem geschiedene Eheleute sich in einem Hotel im Death Valley einquartieren und an jedem Tag bestimmte Orte aufsuchen. Dann, so verheißt es ihnen ihr Sohn, werde er ihnen ein letztes Mal erscheinen. Der Sohn hat sich vor einem halben Jahr umgebracht, dies ist gewissermaßen sein Testament, ein Appell an das schlechte Gewissen, zumal an das der Mutter, die ihn als Kind fortgegeben hat und auch nicht zu seinem Begräbnis aus Europa angereist war.
Nun treffen sie sich wieder, Gйrard und Isabelle, zum ersten Mal seit langer Zeit. Angesichts der Situation verläuft das weniger feindselig, als man vielleicht erwarten könnte. Vielleicht liegt das aber auch an der sengenden Hitze, die jede Bewegung außerhalb der klimatisierten Innenräume zu einer Qual werden lässt.
„Valley of Love“ erzählt auch von der Gegensätzlichkeit seiner beiden Protagonisten, zum einen der Frau, sie sich in die Hitze begibt, in der Hoffnung, dadurch vielleicht Vergebung zu erlangen; zum anderen des Mannes, der allem Metaphysischen abhold ist und bei dem der Schweiß auf seinem massigen Körper von seinen Qualen in dieser Umgebung spricht. Der Mann, das ist Gйrard Dйpardieu, die Frau, das ist Isabelle Huppert. Beide standen als Filmpartner zuletzt 1980 in Maurice Pialats „Der Loulou“ gemeinsam vor der Kamera. Ihre Figuren heißen Gйrard und Isabelle, beide sind Schauspieler von Beruf. Das könnte den Zuschauer leicht dazu verleiten, hier nach biografischen Verbindungen zu suchen – was auch für den Regisseur Guillaume Nicloux („Die Nonne“, „Die Entführung des Michel Houellebecq“) gilt, der den Film seinem Vater gewidmet hat.
„Ja, der Film zeigt auch mein Problem – aber in einer umgekehrten Weise zu dem, was wir im Film sehen. Dйpardieu hat im Film wie im wirklichen Leben seinen Sohn verloren, ich habe meinen Vater verloren. So ist das Ganze gewissermaßen eine verschobene Spiegelung“ erklärte Nicloux auf meine Frage, als er im Dezember sein Werk als Eröffnungsfilm der Französischen Filmwoche in Berlin präsentierte.
„Der Loulou“ habe er sich zur Vorbereitung nicht noch einmal angesehen, aber auch so gäbe es Verbindungen. Vor circa 15 Jahren bekam er einen Anruf, dass Pialat einen seiner Romane verfilmen wollte, erzählt Nicloux: Daraus wurde damals nicht, denn kurz darauf wurde Pialat sehr krank und verstarb 2003. „Valley of Love“ wurde jetzt produziert von Sylvie Pialat, der Witwe des Regisseurs. So schließt sich ein Kreis.
Die Reise der Selbsterkenntnis, die das Paar im Film durchmacht, reklamiert Nicloux auch für seinen Film. Bei Huppert und Dйpardieu handele es sich um „zwei Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: auf der einen Seite eine Schauspielerin, die extrem arbeitsam ist, sich permanent um die Details Gedanken macht. Auf der anderen Seite ein Mann, der eigentlich nur im Moment lebt, der die Spontaneität sucht.“
Weil sich der Alltag mit all seinen Trivialitäten, durchaus auch komisch, immer wieder zwischen die Sinnsuche schiebt und weil der Film das Wiedererscheinen des Sohnes eben nicht im Bild zeigt, lässt er dem Zuschauer die Freiheit, selber eine Haltung zu entwickeln. In jedem Fall hat Guillaume Nicloux aus gegensätzlichen Polen großes Schauspielerkino entstehen lassen, das sich selber reflektiert.

Text: Frank Arnold

Foto: Malerie Marder / 2016 Concorde Filmverleih GmbH

Orte und Zeiten: „Valley of Love“ im Kino in Berlin

Valley of Love, Frankreich/Belgien 2015; Regie: Guillaume Nicloux; Darsteller: Gйrard Dйpardieu (Gйrard), Isabelle Huppert (Isabelle), Dan Warner (Der Mann); 91 Minuten

Kinostart: Do, 21. Januar 2016

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