Kino & Stream

Filmfestspiele von Venedig 2012

06.09.2012 – Spring Breakers

Spring Breakers

Den Sinn des Lebens finden die Heldinnen von Harmony Korines „Spring Breakers“ in schlichten aber kompakten Formeln („Big boobs and bikinis!“), doch im gagaistischen Aufeinandertreffen jugendlicher Zeichenwelten steckt hier ein Überschuss, den keiner der Beteiligten, von Regisseur abwärts, ganz kontrollieren kann. Für die Teen-Megastars Vanessa Hudgens und Selena Gomez ist „Spring Breakers“ ein kalkulierter Bruch mit ihren familientauglichen Images, die sie in Disney Produktionen wie „High School Musical“ oder „Another Cinderella Story“ etabliert haben. Korine schickt sie mit zwei weiteren Freundinnen in knappen Bikinis ins hypersexualisierte Universum der Koma-Sauf-und-Sex-Orgien der Spring Break-Parties in Florida, aber zeigt dabei auch, wie sich Fragen von Macht und Ohnmacht, Souveränität und Unsouveränität in diesem Universum der Entgrenzung nicht einfach beantworten lassen. „Spring Breakers“ ist komödiantische Feier des Exploitation-Kinos und ironische, selbstausbeuterische Zelebrierung einer schrägen Idee von weiblichem Empowerment, der die Mädchen an der Seite eines goldbezahnten Gangsta-Rappers (James Franco) folgen. Dessen aufgeblähtes Selbstbewusstsein („Ich bin der Todesstern!“) beantworten die fröhlichen Frauen indem sie ihm seine eigenen Pistolen zur Fellatio in den Mund stecken. Die Frage nach der Seele dieser Generation beantwortete Korine bei der Pressekonferenz mit einer beweglichen Metapher, die die Generation seiner Heldinnen enthusiastisch verteidigte: „Sie sind TV-Babies, sie sind mit Videos und Computerspielen aufgewachsen, bei ihnen ist der Schritt vom Zusehen zum Machen vielleicht oft sehr klein. Sie haben eine Seele! Sie haben: The soul of morph!“

Text: Robert Weixlbaumer

Fotoquelle: labiennale.org

 

04.09.2012 – Kitano

Outrage Beyond

Takeshi Kitano besetzt seine Filme immer wieder gerne mit Freunden aus dem Comedy- und TV-Universum, in dem er im Alltag als Beat Takeshi unterwegs ist. Eine Hauptrolle in seinem Yakuza-Drama „Outrage Beyond“ (Szenenbild oben) hat er einem befreundeten Banker gegeben, der sich danach sehnte, auch einmal auf einem internationalen Festival als Filmstar aufzutreten. Jetzt spielt der Kitano-Freund einen koranischen Gangsterfürsten in seinem Film, mit einer sanfter Grandezza, die in scharfem  Gegensatz zu den rachesüchtigen Yakuza-Figuren in „Outrage Beyond“ steht. Beim Galadinner am Strand (Fotos unten) vor dem Festivalpalast konzentrierte sich die Aufmerksamkeit aber wie gewohnt auf Takeshi Kitano, dem auch der eigens angereiste Fanklub seine Aufwartung machte. Treue wird auch in Venedig vielfältig belohnt.

Text und Fotos unten: Robert Weixlbaumer

Szenenfoto „Outrage Beyond“: OFFICE KITANO

Takeshi Kitano

Takeshi Kitano

 

 

03.09.2012 – The Master

The Master

„Warum kann ich nicht nackt durch Venedig rennen – und einfach essen und scheißen und jeden ficken, den ich will?“. Philip Seymore Hoffmans rhetorische Rückfrage bei der Pressekonferenz zu Paul Thomas Andersons Drama „The Master“ zielte gut aufgelegt ins Herz der Persönlichkeitstheorie, mit der sein Filmheld hantiert. „The Master“ erzählt die Frühgeschichte der Scientology-Bewegung, die L. Ron Hubbard in den 1950er Jahren in den USA gegründet hatte. Andersons 70mm-Epos, zusammengesetzt aus unglaublich fein gestalteten, historisierenden Vignetten, ist nicht nur ein visuell brillantes Panorama der amerikanischen Nachkriegsjahre, sondern auch ein spannendes Spiel mit Gegensätzen. Die Beziehung zwischen einem US- Kriegsveteranen mit gewalttätiger Borderlinepersönlichkeit (Joaquin Phoenix) und dem Sektengründer (Hoffman), der ihn als Versuchskaninchen und Drogencocktailmixer in den Kreis seiner Jünger aufnimmt, ist so unberechenbar, wie der ganze Lauf des Films. 
Traumartiges, Surreales und abstrahierte historische Rekonstruktion gehen hier immer kaum unterscheidbar ineinander über, kommentieren einander, erzeugen einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Die Pressekonferenz schien selbst noch einmal das Verhältnis der Figuren abbilden zu wollen, mit dem undeutlich am Mikrofon vorbei raunenden Joaquin Phonenix, der seine Ausnahmeperformance mit einer Kasperliade fortsetzte, mal eben zwischendurch aufsprang und vom Podium verschwand, um dann doch zurück zu kehren und stumm zu rauchen, während Hoffman und Anderson sich selbst so unkonzentriert auf das Frage und Antwortspiel der internationalen Journalisten einließen, als wären sie noch nicht aus dem eigenen Film erwacht.

Text: Robert Weixlbaumer

 

 

31.08.2012 – Paradies: Glaube

Paradies: Glaube

„Lieber Herr Jesus, bitte nimm mein Opfer an“. Maria Hofstätter kniet in ihrem Gebetszimmer in ihrem Haus in der Wiener Peripherie, und fleht ihren Gott um Barmherzigkeit an. Dann entblößt sie sich vor dem überdimensionierten Kruzifix und geißelt sich mit der neunschwänzigen Peitsche, die sie aus dem Schreibtisch geholt hat. Eine Routinehandlung mit unübersehbarem masochistischen Genuss. „Paradies: Glaube“ ist der zweite Film einer Trilogie, deren ersten Teil Regisseur Ulrich Seidl auf den Filmfestspielen in Cannes präsentiert hat. Drei Frauen einer Wiener Familie stehen im Mittelpunkt der Filmreihe. Eine jede von ihnen sucht auf ihre Art nach der Versöhnung ihres Begehrens mit der Wirklichkeit. Nach Sextourismus in Kenia („Paradies: Liebe“) steht nun religiöser Wahn im Zentrum.
„Paradies: Glaube“ liest das religiöse Empfinden seiner Heldin allerdings nicht als transzendentales Geheimnis, sondern als Charakterstörung, was in der Reibung mit der Realität nicht wenige tragikkomische Momente produziert. Hofstätter hat sich schon mit ihrer Egolalie-Performance in „Hundstage“ als Ausnahmeakteurin erwiesen und brilliert hier nun erneut in veristischen Plansequenzen, wenn sie auf ihren Missionierungsfeldzügen in Wiener Mietskasernen die Charakterstörung ihrer Figur auf die Neurosen der Wiener Mitbürger treffen lässt oder wenn sie ihren querschnittgelähmten, muslimischen Ehemann unchristlich drangsaliert.
Einmal mehr setzt Seidl seine ätzenden Vignetten zu einem Gegenbild des Idealisierungskinos zusammen, indem er die Macht der Störungen, der schlafenden Vernunft, der Perversionen festhält, nicht ohne dabei seiner eigenen Obsession für die Obsessionen der anderen (hier: Legio Mariä und Swinger-Gruppensex auf der grünen Wiese) zu folgen.
In Teil drei der Trilogie („Paradies: Hoffnung“), wird es um die Abenteuer eines Teenagers in einem Diät-Camp gehen. Ein offensichtlicher Berlinale-Kandidat.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Ulrich Seidl Film Produktion

 

30.08.2012 

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Die Baugrube, die vor und neben dem Festivalpalast von Venedig seit Jahren zu sehen ist, wurde in einem Gewaltakt in den letzten Wochen vor dem Auftakt der Festspiele ein wenig verkleinert. Eine Asphaltschicht deckt nun die mit Asbestmüll kontaminierte Erde vor dem Casino ab, darauf grüner Rollrasen und Lounge-Zelte mit italienischen Designstühlen. Die Bresche, die so geschlagen wurde, erlaubt den Journalisten und Festivalgästen wieder einen Blick aufs Meer, aber gleich daneben öffnen Lücken im Bauzaun Blicke auf die Kunststoffplanen, die die Erde in der immer noch offenen Grube abdecken. Jemand hat den Sichtschutz großflächig aufgerissen, so dass das ganze Drama für jeden Festivalbesucher sichtbar ist. Glamourfassade und ruinöses Fundament sind hier voneinander nicht zu trennen. Das Loch sei immerhin nur noch halb so groß, versicherte der Festivalpräsident am Eröffnungstag. Die Biennale weiß, dass das Ringen um eine bessere Optik wichtig ist.
Fragen der Perspektive werden auch in den ersten Filmen der 69. Mostra aufgeworfen. In Mira Nairs („Salaam Bombay!“) schwerfälligem Festivaleröffnungsfilm „The Reluctant Fundamentalist“ treffen ein CIA- Agent/Journalist und ein pakistanischer Universitätsdozent in Lahore aufeinander. Zehn Jahre umspannt das Melodram nach dem Roman von Mohsin Hamid, der darin auch Züge seiner eigenen Biografie verarbeitet. Fragen der Loyalität zwischen Heimatkultur und seiner US- Wahlheimat werden zum Thema, verknüpfen sich mit einer unglücklichen Liebesgeschichte und dem Plot um die Entführung eines US-Professors in Lahore, ohne dass sich die Regie je frei von den am Ende doch durchgängig unplausiblen Zuspitzungen machen könnte.
Um vieles selbstbewusster hält die kanadische Schauspielerin und Filmemacherin Sarah Polley in „Stories We Tell“ ihre eigene Familiengeschichte offen für die Perspektive der anderen. Vor sieben Jahren hat sie entdeckt, dass ihr Vater nicht ihr biologischer ist und sich auf eine Recherche nach der Wahrheit gemacht. Interviews mit ihren Geschwistern, den beiden Vätern, Freunden der Mutter, die starb, als sie elf Jahre alt war, kombiniert sie in ihren Film mit einer Fülle an nachgedrehten Szenen, ein Verfahren, das auf jeder Ebene zugleich reflektiert und transparent gemacht wird. Die Intimität der Erzählung und der Wille, nicht mit ihrer Sicht die Perspektiven der anderen zu überblenden, hat sie selbst in eine komplizierte Lage gebracht, in der sie den Film zugleich öffentlich präsentieren und dahinter verschwinden will. Der Kommentar, den Polly dazu heute selbst gepostet hat, wirkt wie ein Spiegel dieses Dilemmas.

Text: Robert Weixlbaumer

http://blog.nfb.ca/2012/08/29/stories-we-tell-a-post-by-sarah-polley/

 

29.08.2012

Ein sanftes Lifting hat Alberto Barbera, neuer Direktor der Filmfestspiele am Lido von Venedig (29. August bis 8. September), dem ältesten, 1932 ins Leben gerufenen Filmfestival der Welt verordnet. „Das Festival ist wie eine große, alte Dame. Aber sie muss jetzt frisch gemacht werden“, hat Barbera vorab dekretiert und den offiziellen Wettbewerb auf 18 Filme verkleinert, darunter neue Arbeiten von Terrence Malick, Marco Bellocchio, Brian De Palma, Paul Thomas Anderson oder Takeshi Kitano. Auch die anderen Hauptreihen des Festivals wurden reduziert, insgesamt laufen hier rund 50 Filme. Barbera will auf Qualität setzen: „Ein Festival muss auswählen, was wir sehen können und sehen müssen.“ Die neue Programmpolitik ist auch die Antwort auf eine Krise, mit der Venedig seit Jahren kämpft. Das Festival gehört neben Cannes und Berlin immer noch zu den drei bedeutendsten A-Festivals, doch die Erneuerung und Erweiterung des alten Festivalbaus kam vor drei Jahren zum Erliegen, als in der Baugrube vor dem Casino alter Asbest-Sondermüll entdeckt wurde.
Im Streit darum, wer die Kosten für die Sanierung aufbringen sollte – die Region oder das Kulturministerium in Rom –, gab es keine Einigung. Seitdem umkränzen Bauzäune den roten Teppich, das alte Casino, in dem Pressezentrum und ein zentrales Kino untergebracht sind, ist stellenweise eine Ruine. Das Festival hat inzwischen kapituliert und operiert nun im Rahmen seiner eigenen, bescheidenen Mittel. Das Neubauprojekt wurde gestrichen, der Galasaal bescheiden renoviert und auch die Bestellung Barberas als Nachfolger von Marco Müller ist eine Entscheidung für Kontinuität im vernünftigen Rahmen. Barbera hat das Festival bereits von 1999 bis 2001 geleitet und kennt die Fallstricke der italienischen Kulturpolitik.

Text und Foto: Robert Weixlbaumer

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