Kino & Stream

Filmfestival Venedig-Blog

Stray Dogs

07.09.2013
Jeder trägt seine eigene Ruine in sich

Abschiede müssen nicht immer tragisch sein. Tsai Ming-liang („The Hole“, „The River“), Regisseur mit Weltgeltung und mit Hou Hsiao-Hsien und Edward Yang einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Taiwanesischen Kinos, stellte im Wettbewerb von Venedig seinen neuen Film „Jiaoyou (Stray Dogs)“ vor. Das minimalistische Bildgedicht erzählt von einer Familie, die in Taipeh in einer traumartigen Ruinenwelt lebt. Tsai Ming-liangs Film ist selbst ein Abschied vom Kino. Ein fröhliches Gespräch mit dem Regisseur nach der Premiere. Zum Zeitpunkt des Gesprächs konnte er freilich noch nicht ahnen, dass sein Film am Ende des Festivals mit dem Großen Preis der Jury – der zweithöchgsten Auszeichnung, die das Festival vergibt – ausgezeichnet werden würde.

tip Herr Tsai Ming-liang, man hört, das sei Ihr letzter Film? Was ist der Grund dafür?
Tsai Ming-liang Ich bin einfach sehr, sehr müde. Und ich glaube irgendwie stark an das Schicksal. Ich würde mein Schicksal gerne bitten, mich keine Filme mehr machen zu lassen. Aber in der Vergangenheit hat es unglücklicherweise immer wieder gefordert, dass ich neue Filme drehe. Man wird sehen.

tip Lieben Sie das Kino nicht mehr?
Tsai Ming-liang Ich habe nie aufgehört, das Kino zu lieben. Aber Kino zu machen, jedenfalls so wie ich es mache, ist eine sehr manuelle Sache und es war wirklich Schwerarbeit. Ich habe das Gefühl, dass ich alt werde – und dass das zu harte Arbeit für mich wird. Ich würde gerne andere Ausdrucksformen für meine Kreativität finden. Auf ruhigere Weisen. Deshalb habe ich auch die drei Schauspielerinnen, die in meinen früheren Filmen wichtige Rollen gespielt haben, nun in „Stray Dogs“ zum Abschied versammelt.

tip Einer der Hauptschauplätze Ihres Films sind verlassene, verfallende Gebäude, wie sie in vielen ihrer Filme erscheinen. Aber „Stray Dogs“ selbst erscheint ebenfalls wie eine Ruine, ein Film, der zum absoluten Minimum reduziert ist, fast ohne erkennbaren Handlungsfaden. Das Publikum kann sich in dieser Wildnis fast ganz verlieren. Was ist die Idee hinter dieser Reduktion?
Tsai Ming-liang Das hängt stark mit mir selbst zusammen. Ich finde Ruinen viel schöner als das originale Gebäude. Manchmal sehe ich einen solchen verfallenen Ort und denke mir, dass das Original wirklich hässlich gewesen sein muss, während es in seinem verfallenen Zustand wunderschön ist. Vielleicht hat es mit Psychologie zu tun, vielleicht trägt jeder in seinem Herzen eine eigene Ruine seiner selbst. Ich denke, dass Ruinen Erinnerungen repräsentieren. Etwas sehr abstraktes. Im Fall einer Stadt sind es deren Erinnerungen. Aber zugleich wollen wir sie vergessen, eliminieren, sie loswerden. Es geht um diese Arbeit mit einem Material, das viele vergessen wollen.

tip Gilt das auch für Ihr persönliches Dasein? Sehen Sie in ihrem Leben eher einen Prozess des Verfalls oder das Gegenteil? Kreativität wird ja eher mit Wachstum in Verbindung gebracht, mit der Geburt von Dingen.
Tsai Ming-liang Tatsächlich bin ich Buddhist. Aber wenn man den heiligen Text liest, gibt es ein Problem: Es braucht eine lange Zeit, um ihn zu verstehen. Man kann ihn nicht einfach buchstäblich interpretieren, man muss sein eigenes Leben, die eigene Erfahrung nehmen, um ihn zu verstehen. Nach einer Weile beginnt man ein Verständnis zu entwickeln. Das Bild der Ruine, oder des Verfalls hat auch etwas mit dem Altwerden zu tun. Aber ich habe keine Angst, älter zu werden. Die Ruinen sind ein wichtiges Symbol für mich. Sie stellen eine Frage: Was ist der Sinn des Lebens?

tip Haben Sie den Film mit einem detaillierteres Konzept begonnen, das dann im Prozess auseinandergefallen ist?
Tsai Ming-liang Genau so war es. Es gab ein Skript, einen Auftrag vom Staatlichen Fernsehen, aber mit der Zeit fiel alles auseinander. Und irgendwann waren nur noch die Leute über. Die Schauspieler, die Figuren. Und die Bilder.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto: William Laxton / Homegreen Films and Jba Production

 

Miyzaki

03.09.2013
Miyazakis „The Wind Rises“ findet ein offenes Publikum

Hayao Miyazakis neuer (und nach der Ankündigung auf der Pressekonferenz auch letzter) Animationsfilm „The Wind Rises“ hat Kontroversepotential. In Japan feinden den Regisseur inzwischen rechte Politiker an, weil dieser zu deutlich auf die Verantwortung der Nation für Kriegsverbrechen hingewiesen hat. In anderen Ländern, die im zweiten Weltkrieg Opfer der Japaner wurden, löst die Wahl seines Sujets Abwehr aus. Auch in Deutschland wäre solch eine Themenbearbeitung aus guten Gründen undenkbar. Miyazaki erzählt in „The Wind Rises“ (Kaze Tachinu) von der Entwicklung des Zero-Jagdflugzugs, das in den pazifischen Luftschlachten des Zweiten Weltkriegs eine zentrale Rolle spielte, und von der Liebesgeschichte, die die Arbeit des Konstrukteurs begleitete. Wer sich für Miyazakis Oeuvre interessiert, wird darin zentrale, auch biografische Themen wiederfinden, eingeschlossen die Paradoxie, dass jemand fetischistisch an Phantasiekriegsmaschinen interessiert sein kann und zugleich: Pazifist. In Italien, wo Miyazaki seit Jahrzehnten verehrt wird, trifft sein Film auf ein offenes Publikum. Vor dem Festivalpalais hat am Seiteneingang des Casinos eine Möbeldesignfirma eine Schauecke eingerichtet, die keine Proteste erregt. Harte Stühle aus genietetem Flugzeugblech von „Aeronautica Militare“.

Text: Robert Weixlbaumer  

 

Die Frau des Polizisten

02.09.2013
„Future reloadad“ ist das Motto der Filmfestspiele – Das Filmfestival von Venedig sucht nach seiner Zukunft

Future reloaded, „Neustart der Zukunft“ ist das Motto der 70. Filmfestspiele von Venedig, doch die interessantesten Arbeiten blicken hier zurück, in die Seelen ihrer Helden und nicht nach vorne. Die deutschen Filme, mit denen Barbera die ersten Festivaltage bestückte, richteten ihren Fokus nach innen und in die Geschichte. Den Anfang machte „Wolfskinder“, der von den schrecklichen Abenteuern einer Gruppe von Kindern erzählen, die 1946 einen Weg aus dem russisch-okkupierten Pommern nach Litauen suchen. Es ist eine unberechenbare Horrorchronik, die einen mit unangenehmen Fragen zurück lässt. Auch mit der, welche Rolle in der historischen Selbstvergewisserung Filme wie „Anonyma“, „Lore“ oder nun „Wolfskinder“ spielen sollen, die deutsche Opfergeschichten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erzählen.
Auch Edgar Reitz geht zurück in die Geschichte. Er erzählt die „Heimat“-Saga in den 1840er Jahren weiter, mit einer schwarzweißen Erzählung, die durchaus mehr Zeit als vier Stunden vertragen könnte, so reich ist der Stoff, den sie sich gewählt hat: die Hungerjahre im Hunsrück, die die Menschen zur Auswanderung nach Brasilien treiben und in diesem Zug die Familien zerreißen, die sich gegen die Widrigkeiten ihrer Welt nicht weiter zur Wehr setzen können.
Gegenwärtiger, aber zugleich viel metaphorischer fächerte der dritte deutsche Film der Anfangstage sein Thema auf: „Die Frau des Polizisten“ von Philip Gröning, platziert im offiziellen Wettbewerb. Es ist ein Dreipersonenstück mit einem vierjähren Kind, einem zunehmend gewalttätigen Vater und der passiven, nach jeder seiner Aggressionsattacken nur noch mehr um seine Liebe ringenden Mutter. Komponiert ist der Film aus mehr als 40 Kapiteln, die der Regisseur mit schwarzen, zehn Sekunden langen Zwischentiteln voneinander trennt, um wie er sagt, den Zuschauern mehr Freiheit für ihre eigene Interpretation zu geben. Er selbst besetzt den geöffneten Raum mit der Leitidee einer grundlegenden Opposition zwischen der väterlichen Gewalt und der intensiven, mütterlichen Liebe. Doch vielleicht liegt der größte Schrecken seines Filmes darin, dass die beiden aus der Nähe betrachtet, einander so ähnlich scheinen.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Quelle: La Biennale di Venezia

29.08.2013
„Sala Web“ – Das Filmfestival von Venedig geht auch online einen Schritt in die Zukunft

Wer Filme der offiziellen Nebenreihe Orrizonti (vergleichbar etwa mit dem Berlinale „Forum“) sehen will, muss dazu nicht unbedingt an den Lido reisen. Die Filme lassen sich auch im „Sala Web“ des Festivals, online und von überall in der Welt aus betrachten. Man muss nur schnell genug sein: Je 500 Tickets werden für die Streams vorab verkauft, die am Premierentag um 21 Uhr freigeschaltet werden. Bescheidene vier Euro kostet der virtuelle Eintritt in den Sala Web, buchbar online unter: www.boxol.it
Zu sehen sind u.a. „Je m’appelle Hmmm“, das Langfilmdebüt der cinephilen französischen Modedesignerin agnиs b, oder „Memphis“ von Tim Sutton. Mehr zum Programm auf www.labiennale.org

Text: Robert Weixlbaumer

27.08.2013
Eröffnet wird mit Alfonso Cuarуns Einsamkeitsetüde „Gravity“ (außer Konkurrenz), in der Sandra Bullock und George Clooney als Astronauten (Foto) nach einem Crash ums Überleben kämpfen – eine von sieben US-(Ko-)Produktionen im Hauptprogramm. Kelly Reichardts „Night Moves“ erzählt von Öko-Terroristen, Errol Morris interviewt Donald Rumsfeld in seiner Doku „The Unknown Known“, während Peter Landsman in „Parkland“ die JFK-Ermordung aus neuen Perspektiven betrachten will. Der deutsche Regisseur Philip Gröning zeigt im Wettbewerb (Juryvorsitz: Bernardo Bertolucci) sein familiäres Gewaltdrama „Die Frau des Polizisten“, Rick Ostermann präsentiert den Weltkriegsfilm „Wolfskinder“ in der Nebenreihe Orrizonti. Und von Edgar Reiz kommt ein historisches Prequel zu seiner „Heimat“-Serie, das in die 1840er-Jahre zurückführt.

Foto: Warner Bros. Pictures

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