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„Vergiss mein nicht“ im Kino

Vergiss mein nicht

Von menschlicher Hinfälligkeit handelten jüngst so beklemmende Kinofilme wie Michael Hanekes „Liebe“ und der Auftakt von Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie. Von den Härten des Altwerdens erzählt auch David Sieveking in seinem neuen Film nach seinem Debüt „David Wants to Fly“. Der Anlass könnte persönlicher nicht sein: Der Jungregisseur begleitet die eigene, an Alzheimer erkrankte Mutter durch ihre letzte Lebenszeit. Er übernimmt dafür eine ungewöhnliche Doppelrolle, als Regisseur und gleichzeitig als Protagonist.
Der Film beginnt mit Sievekings Rückkehr aus Berlin ins Elternhaus im Taunus. Dort ist der Vater, seit seinem Ruhestand als Mathematik-Professor, vollkommen mit der Pflege seiner Frau ausgelastet. Damit sich der Vater im Alpenurlaub erholen kann, übernimmt der Sohn für einige Wochen die Betreuung der Mutter und dokumentiert gleichzeitig seine Erlebnisse.
Es ist ein gewagtes Experiment um die Schwierigkeit, Verantwortung in der Familie übernehmen zu müssen. Die Mutter, so zeigt sich zudem, begreift nicht vollends, dass sie Teil einer Dokumentation ist. Dass trotzdem kein ungutes Voyeurgefühl entsteht, liegt an Sievekings Entschluss, die Aufmerksamkeit auch auf sich selbst und den nahen Familienkreis zu richten. In Situationen etwa, in denen er sich abmüht, die antriebslose Mutter zu kleinsten Alltagsverrichtungen zu überreden, überträgt sich unmittelbar das Gefühl der Überforderung. Fragile Gefühle – von Bewunderung bis zur tiefen Traurigkeit – spiegeln sich auch in den Erzählungen des Vaters über die gemeinsame Vergangenheit mit der einstigen Powerfrau.
Solche Erinnerungen veranlassen Sieveking dazu, die jungen Lebensjahre seiner Mutter zu rekonstruieren und Interviews mit Weggefährten zu führen. Die Mutter lernt er so als selbstbewusste 68er-Vorläuferin und politische Aktivistin kennen, hört erstmals auch von Krisenzeiten ihrer „offenen“ Ehe. Während die Filmebene ihrem rasch fortschreitenden geistigen Verfall folgt, entsteht durch die Erinnerungsarbeit ein immer lebendigeres Bild einer außergewöhnlichen Frau: eine Biografie, die der Filmemacher ohne den Gedächtnisverlust der Mutter wohl nie so tief durchdrungen hätte.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Adrian Stähli / Lichtblick Media Gmbh, Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Vergiss mein nicht“ im Kino in Berlin

Vergiss mein nicht, Deutschland 2012; Regie: David Sieveking; 92 Minuten; FSK 0

Kinostart: 31. Januar

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