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„Vergissmichnicht“ im Kino

Vergissmichnicht

Margaret scheint zu wissen, wo die Dinge des Lebens ihren Platz haben. Ihr Schreibtisch ist so aufgeräumt wie ihr Privatleben. Die selbstbewusste, gehetzte Managerin liebt klare Geometrien. Überflüssiges zielsicher in den Mülleimer zu werfen, das ist die Geste, bei der wir sie eingangs am häufigsten sehen. Auf diese Weise entledigt sie sich zunächst auch des Schreibens, das ein Notar ihr an ihrem 40. Geburtstag übergeben will. Es ist ein Vermächtnis aus ihrer Kindheit: Briefe, die sie mit sieben Jahren an ihr späteres Ich geschrieben hat. Zuerst wehrt sie sich heftig gegen die altklugen Einflüsterungen. Bald jedoch kann sie sich deren Lebensweisheit immer weniger verschließen. Die Botschaften sabotieren zusehends ihre Karriere und bringen zugleich die verdrängte, träumerische Idealistin in ihr wieder hervor.
Auch Regisseur Yann Samuell scheint als Erzähler noch ganz in der Kindheit gefangen; schon in seinem Langfilmdebüt „Liebe mich, wenn Du dich traust“ nahm er Erwachsene in die Pflicht ihrer Kindheitsträume. Auch seine Welt ist kunterbunt und wohlgeordnet. In ihr gibt es nur eindeutige Alternativen. Aber ist das nicht auch ganz wünschenswert so, wenn Margaret am
Ende nicht mehr Atomkraftwerke nach China verkauft, sondern Brunnen in Afrika gräbt? Da kann man dann ja wohl schwer etwas dagegen einwenden.

Text: Gerhard Midding

Foto: Laurence Tremolet

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Vergissmichnicht“ im Kino in Berlin

Vergissmichnicht (L’вge de raison), Frankreich 2010; Regie: Yann Samuell; Darsteller: Sophie Marceau (Margaret), Marton Csokas (Malcolm), Michel Duchaussoy (Mйrignac); 89 Minuten; FSK 0

Kinostart: 23. Dezember

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