Kino & Stream

„Verliebt, verlobt, verloren“ im Kino

Verliebt, verlobt, verloren

„Schmucke Jünglinge“ seien das gewesen, erzählt die ältere Dame und meint die Studenten, die eines Tages in der ersten Reihe im Hörsaal saßen. Fremde von weit her. Studenten aus Nordkorea, das unter Fachkräftemangel litt und den Nachwuchs ab 1952 zur Ausbildung ins sozialistische Bruderland DDR geschickt hatte. Dort sorgte er nun für einiges Aufsehen und Getuschel unter den Kommilitoninnen.
Doch dabei sollte es nicht bleiben. So manches zarte Band wurde geknüpft zwischen den Männern aus Asien und den Frauen aus Ostdeutschland. Beziehungen entstanden, die in vielerlei Hinsicht Grenzen überschritten und Folgen zeitigten. Als die insgesamt 357 Nordkoreaner, die in den 1950er-Jahren in der DDR studierten, 1962 aufgrund der geänderten politischen Großwetterlage abrupt in ihr Heimatland zurückbeordert wurden, blieben gebrochene Herzen und vaterlose Kinder zurück. Gemeinsame Pläne wurden zerstört, Hoffnungen auf ein Leben als Familie mussten begraben werden. Was blieb, waren der Schmerz über die gewaltsame Trennung, die Trauer über den Verlust der geliebten Menschen, Gefühle der Schuld und des Alleinseins. Das alles ist lange her und nur wenig bekannt.
Verliebt, verlobt, verlorenIn ihrem Dokumentarfilm „Verliebt, verlobt, verloren“ schlägt Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“) ein Kapitel der deutschen Geschichte auf, das zunächst eher wie eine Fußnote anmutet. Nur wird in dieser Fußnote, die von einer vergleichsweise überschaubaren Anzahl von einem spezifischen Sachverhalt Betroffener handelt, eine größere, übergreifende Struktur sichtbar: Am Kreuzungspunkt von individuellem Erleben und weltpolitischen Ereignissen schreibt sich Geschichte. Und zwar schreibt sie sich nicht nur fort als historischer Verlauf, der seinen Eingang schließlich in Bücher findet, sie schreibt sich auch ein in die Körper jener Subjekte, die ihrem Fortgang ausgesetzt sind.
„Verliebt, verlobt, verloren“ lebt von der Offenheit, mit der die Protagonisten an ihren schmerzlichen Erinnerungen teilhaben lassen. Die 1966 in Südkorea geborene, seit 1990 in Deutschland lebende Cho bettet die Interviews mit den zurückgelassenen Frauen und deren inzwischen erwachsenen Kindern ein in eine ruhig fließende Montage aus animierten Passagen, Fotos, Briefen, altem Nachrichtenmaterial und Auszügen aus dem Video-Tagebuch einer Nordkorea-Reise auf Spurensuche. Solcherart öffnet die Filmemacherin den Zuschauern einen Erfahrungsraum. Darin ist, wie in einer Schneekugel, das widerständig Unvergängliche der Liebe im Vergehen der Zeit aufgehoben, behauptet der Mensch sein Gefühl gegen den blinden Furor von Politik und Geschichte.

Text: Alexandra Seitz

Fotos: Kundschafter Filmproduktion GmbH

Orte und Zeiten: „Verliebt, verlobt, verloren“ im Kino in Berlin

Verliebt, verlobt, verloren, Deutschland 2015; Regie: Sung-Hyung Cho; 94 Minuten

Kinostart: Do, 25. Juni 2015

Mehr über Cookies erfahren