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Verlustdrama „Treeless Mountain“

Treeless_MountainAuf einmal war die Mutter weg. Sie hat ihrer sechsjährigen Tochter Jin noch ein dickes rotes Plastiksparschwein in die Hand gedrückt. Ein paar Münzen klimpern darin. Wenn das Schwein voll sei, käme sie zurück, um Jin und deren kleine Schwester Bin wieder nach Hause zu holen. So lange müssten die Mädchen bei ihrer Tante bleiben. Mit sechs mag man Erwachsenen noch glauben. Nur, dass Bin und Jin nie erfahren, warum sie so plötzlich ihre hübsche Hochhauswohnung in Seoul verlassen mussten. Jin hatte in der Schule gerade angefangen zu lernen, wie man die Zeit abliest. Damit ist jetzt Schluss. Nun muss sie auf Bin aufpassen, die nichts anderes tragen will als ihr himmelblaues mit Kunstpelz besetztes Prinzessinnenkleid. Es wird Winter und der Mond verrät, wie schnell die Zeit verstreicht. Die Mädchen trauern und vermissen die Mutter. Immer öfter haben sie Hunger, denn die Tante trinkt. Deren Bruder ist der Vater der Kleinen und hat sich anscheinend abgesetzt. Dass seine Frau auf der Suche nach ihm ist, bleibt ebenfalls Vermutung, denn „Treeless Mountain“ ist ein angenehm wortkarger Film.
Mit der schmerzhaften Erfahrung des Verlassenseins beginnt für Jin jäh das Erwachsenwerden. Die südkoreanische Regisseurin So Yong Kim potenziert diesen unbarmherzigen Prozess nicht mit gefühligen Bildern, sondern beobachtet nüchtern die beeindruckend natürlich agierenden Mädchen. Wie sie Löcher in die Luft starren, einen verdorrten Ast auf einen Schutthügel pflanzen, als könnte daraus je ein Baum werden. Sie fangen und grillen Heuschrecken, um sie als knusprige Snacks zu verkaufen. Lernen, dass sich große Münzen in viele kleine Cents ver­wandeln lassen. Im Nu ist das Sparschwein voll. Doch die Mutter kommt nicht wieder.
„Treeless Mountain“ braucht keine Erklärungen, für Transparenz sorgt eine minimalistische Filmsprache. Die tragische Geschichte indes hat die 1968 in Pusan geborene So Yong Kim ihrer eigenen Kindheit abgetrotzt. „Ich fing an, den Film zu schreiben, um verlorene Erinnerungen festzuhalten, auch als Brief an meine Mutter.“ „Treeless Mountain“ wird jedoch keine plakative Vergangenheitsbewältigung, denn die außergewöhnlichen Hauptdarstellerinnen prägen die Geschichte intuitiv mit ihren Eigenheiten.   
Text: Cristina Moles Kaupp
Foto: Verleih
tip-Bewertung: Sehenswert
 
Treeless Mountain im Kino in Berlin
USA/Südkorea 2008; Regie: So Yong Kim; Darsteller: Hee-yeon Kim (Jin), Song-hee Kim (Bin), Soo-ah Lee (Mutter); 89 Minuten; FSK k.A.;
Kinostart: 1. März

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