Filmfestival

Verwende deine Jugend

Die Spielfilmsektion bei den 59. Nordischen Filmtagen (1. bis 5.11.2017) setzt auf viele junge Leute

Darling © Christian Geisnæs, Zentropa

Zum Beispiel Mirja. Frisch aus dem Knast steckt die junge Schwedin in einem Dilemma: Einerseits will sie nicht noch einmal auf die schiefe Bahn geraten und heuert als Dienstmädchen in einem Hotel an; andererseits will sie es sich nicht mit ihren drei besten Freundinnen verscherzen, aber die sind latent kriminell. Regisseurin Rojda Sekersöz scheint sich in dem prekären Milieu des Stockholmer Vorortes Alby auszukennen und erzählt im Eröffnungsfilm „Träum weiter“ mit Verve von einer jungen Frau und ihrem Versuch eines Befreiungsschlages.

Wie Mirja geht es etlichen junge Protagonisten im Spielfilm-Wettbewerb der Nordischen Filmtage 2017 mit Filmen aus Skandinavien und dem Baltikum.

Der 15-jährige Klas interessiert sich in dem wunderschön fotografierten „Die Raben“ von Jens Assur mehr für die Fotografie als für den heimischen Bauernhof, mit dem sein Vater in der schwedischen Provinz der 70er-Jahre zunehmend überfordert ist. Ein strenges Drama mit herausragenden Akteuren.

Vesa und Kaarlo haben da ganz andere Sorgen. Zwar müssen auch sie in den 70er-Jahren aufwachsen, doch die Eltern der beiden Freunde gehören eher zum finnischen Mittelstand. Das Blöde: Sowohl Vesas Vater als auch Kaarlos Mutter haben die sexuelle Befreiung für sich entdeckt und treiben es bunt miteinander, was besonders Vesas Mutter auf die Palme bringt – und die Kids fallen zudem in ein gefährliches emotionales Loch. Visa Koiso-Kantilla hat eigene Kindheitserfahrungen verarbeitet und übt in „Sternsinger“ fundamentale Kritik an der Elterngeneration der 70er-Jahre und ihrem falsch verstandenen Begriff von Freiheit. Denn merke: Herumvögeln kann nur dann funktionieren, wenn alle beteiligten Partner ihr Okay geben. Und dann auch nur vielleicht.

Und noch eine junge Protagonistin. Nachdem der lange Jahre strapazierte Körper der Primaballerina Darling aufgegeben hat, kommt für die deutlich jüngere Balletttänzerin Polly die einmalige Chance, die „Giselle“ im gleichnamigen Stück zu tanzen. Doch will Darling, die sie beim Proben unterstützt, wirklich nur das Beste für Polly? Regisseurin Birgitte Stærmose und der renommierte Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson („Ein Mann von Welt“) konzentrieren sich in ihrem Ballettdrama „Darling“ ganz auf die Konflikte der Protagonistinnen und lassen so den ähnlich gearteten „Black Swan“ qualitativ klar hinter sich.

Leider konnte das Wettbewerbsprogramm dieses hohe Niveau nicht gänzlich durchhalten. Der Däne Max Kestner lässt einen mit seinem verkopften Science-Fiction-Drama „QEDA – Der geteilte Mensch“ trotz interessanter Ansätze ein wenig ratlos zurück. Und als ein echtes Ärgernis entpuppte sich „Die Ex-Frau“ von Katja Wilk, die anhand dreier Frauenschicksale ein Geschlechterbild entwirft, bei dem es einen schwindelt: Frauen sind hysterisch oder depressiv, Männer sind Machos oder Loser – und ein Zusammenleben unmöglich. Danke dafür.

Der Hauptpreis – der NDR-Filmpreis – ging übrigens an „Der Charmeur“ von Milad Alami. Der ist selbst im Iran geboren und erzählt von seinem Landsmann Esmail, der in Dänemark unbedingt eine Frau finden muss, die ihn heiratet – der Aufenthaltsgenehmigung wegen. Hauptdarsteller Ardalan Esmaili spielt so überzeugend, dass es der dramatischen Zuspitzung gegen Ende gar nicht bedurft hätte.

Eines lässt sich für den skandinavischen Jahrgang 2017 konstatieren: Die Filmemacher sind nah an den Themen der Zeit, ganz egal, ob ihre Filme im Gestern, Heute oder Morgen spielen.

www.filmtage.luebeck.de

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