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„Vetraute Fremde“ im Kino

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wie es wohl wäre, wenn man mit dem Bewusstsein und der Erfahrung des Erwachsenen noch einmal in die eigene Kindheit oder Jugend zurückkehren könnte. Würde man dann einige Fehler vermeiden – aber dafür andere machen? Könnte man sich überhaupt noch zurechtfinden mit der Denkweise der Menschen in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt? Würde man seinen Eltern ganz andere Fragen stellen als damals?
Indem er eine Adaption des Mangas „Harukana machi-e“ von Jiro Taniguchi verfilmte, hat Regisseur Sam Garbarski („Irina Palm“) mit „Vertraute Fremde“ jetzt einen Film über genau diese Fragen gemacht. In seiner Version der Geschichte steigt der Comiczeichner Thomas (Pascal Grйggory) versehentlich in einen falschen Zug und findet sich plötzlich im Ort seiner Kindheit in der französischen Provinz wieder. Nach einer Ohnmacht taucht er voll und ganz in seine Jugend ein – allerdings mit seinem heutigen Bewusstsein: Man schreibt das Jahr 1967, Thomas (nun verkörpert von Lйo Legrand) ist 14 Jahre alt, und das dramatischste Ereignis seiner Jugend steht kurz bevor. Denn damals hatte sein Vater die Familie ohne ein Wort der Erklärung verlassen und war spurlos verschwunden.
Spektakuläre Erkenntnisse darf man im Folgenden allerdings nicht erwarten von dem Bemühen des jungen Thomas, diesen Schritt des Vaters nunmehr zu verhindern, oder doch wenigstens eine Erklärung dafür zu bekommen. Trotzdem gestaltet sich das Zusammentreffen des „modernen“ Thomas mit jenen Menschen seiner Um­gebung ganz interessant, die in ihrer Mentalität noch ganz der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit verhaftet sind: Über Gefühle kann und will hier eigentlich niemand reden, das Wort „Selbstverwirklichung“ kommt im Sprachgebrauch noch nicht vor, man folgt ganz selbstverständlich gegebenen Autoritäten und versucht, den Erwartungen der Anderen möglichst zu entsprechen. Im Grunde sucht „Vertraute Fremde“ den Sinn und die Schönheit des Lebens in der Banalität und Selbstverständlichkeit des Alltags ­— wobei die betont undramatische Erzählweise gelegentlich die Frage aufwirft, ob Garbarski die Möglichkeiten dieses sehr speziellen Zeitreisethemas wirklich ausgereizt hat.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Vertraute Fremde“ im Kino in Berlin

Vertraute Fremde (Quartier Lointain), Belgien/Luxemburg/Deutschland/Frankreich 2010; Regie: Sam Garbarski; Darsteller: Pascal Grйggory (Thomas, alt), Alexandra Maria Lara (Anna), Lйo Legrand (Thomas, jung); Farbe, 98 Minuten

Kinostart: 20. Mai

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