Berlinale 2017

„Viceroy’ House“ im Wettbewerb der Berlinale

Delhi 1947: es ist der heißeste Sommer seit Jahrzehnten, als Lord Mountbatten, der neue Vizekönig, und seine Familie in den Palast mit seinen über 500 Bediensteten einziehen.

Kerry Monteen © Bend It Films / Pathé

Er ist nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um das Ende des Raj, der britischen Herrschaft auf dem indischen Subkontinent, zu verwalten. Doch die von den Kolonialherren über 300 Jahre strategisch angeheizten und gegeneinander ausgespielten Konflikte lassen sich nicht mehr kontrollieren. Es kommt zu religiösen Unruhen zwischen Hindus, Sikhs und Moslems, zu Plünderungen, Vergewaltigungen und brennenden Dörfern. Am Ende ist Indien unabhängig – und aufgeteilt die indische Union und Pakistan. Vertreibungen beginnen, 14 Millionen Menschen in beiden Staaten müssen ihre Heimat verlassen. Es ist die größte Massenflucht der Geschichte.

Die britisch-bengalische Regisseurin Gurinder Chadha („Bend it like Beckham“, 2002) verfilmt mit „Viceroy’s House“ einen Teil ihrer Familiengeschichte und zeigt sich in der Berlinale-Pressekonferenz selbst erstaunt darüber, wie zeitgenössisch viele der Bilder trotz der sorgfältig inszenierten Patina heute wirken. Denn in seiner Anlage klingt der Film eher wie eine Mischung aus Downton Abbey und Bollywood: Auch hier wird der Palast mit seinen Bewohnern zum Mikrokosmos einer Gesellschaft im Umbruch, und Hugh Bonneville spielt Mountbatten mit demselben bodenständigen Standesbewusstsein wie den Earl of Grantham. Der nostalgische Glanz des Empire kommt  – wir sind in Indien – noch eine Nummer prunkvoller daher, und während man auf der Herrenebene schwitzt und Tee trinkt, feiert man auf der Dienerebene farbenfrohe Feste mit ausführlichen Gesangseinlagen. Hier entwickelt sich auch die Romanze zwischen dem Hindu und der Muslima, die für die bollywoodübliche melodramatische Betriebstemperatur sorgt.

„Viceoroy’s House“ ist ein opulenter Film, dem gelegentlich unter seinen selbstgesetzten Ansprüchen, zugleich Historienepos, Melodram und Gesellschaftsporträt zu sein, der Atem ausgeht. Aber in seiner akribischen Rekonstruktion der Manipulation politischer Prozesse und Akteure im Interesse eines skrupellosen geostrategisches Machtkalküls ist er hinter all dem Uniformgefunkel und Sarigeraschel ein ungemein politischer, aktueller Film.

Viceroy’s House (UK/India 2017) R: Gurinder Chadha. Mit Hugh Bonneville (Lord Mountbatten) Gillian Anderson (Lady Edwina Mountbatten), Manish Dayal (Jeet), Huma Qureshi (Aalia), Michael Gambon (Lord Ismay); 106 Minuten.

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