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„Vier Tage im Mai“ im Kino

Vier Tage im Mai

Achim von Borries will mit der deutsch-russisch-ukrainischen Koproduktion „Vier Tage im Mai“ alles richtig machen: der großen Geschichte gerecht werden und zugleich das Alltägliche nahebringen, den Feinziselierungen des Seelenlebens nachspüren und die Allgemeingültigkeit des Konflikts verhandeln, Spannung aufbauen und zur Reflexion auffordern. Das Erstaunliche angesichts dieses – vorsichtig formuliert – ehrgeizigen Unterfangens ist nicht, dass der Film scheitert, sondern was ihm dabei doch gelingt. Wie er die unbedingte Legitimität des Überlebenswillens betont und zugleich an dramaturgisch zentraler Stelle glaubhaft militärisches Ethos aufruft. Oder wie er die Metapher des Gestrandetseins in unspektakuläre, melancholische Bilder umsetzt: an der deutschen Ostseeküste stauen sich die verlorenen Reste eines nicht mehr geordneten Rückzugs, am weiten Strand verteilen sich die Wehrmachtssoldaten in nervösen, erschöpften Gruppen und warten auf ein Boot, das sie nach Dänemark bringen soll, wo sie sich den Engländern ergeben wollen.
Denn von der Landseite kommen die Russen. Und dazwischen steht das Waisenhaus der Baronin von Lewennov, noch bewohnt von einem guten Dutzend kleiner Mädchen, weiblichem Personal und dem 13-jährigen Peter, einem überzeugten Hitlerjungen und Offizierssohn, der in geklauter Uniform und mit der MP in der Hand sein Stück vom Deutschen Reich zu verteidigen versucht. Dieses Herunterbrechen des Weltgeschehens auf die Kleinfamilie ist nicht nur im amerikanischen Genrekino bewährt. Mit dem starken zentralen Darstellerduo könnte es durchaus funktionieren – wenn die Regie nicht so ängstlich agieren und Argument auf Argument häufen würde. Da werden Nebenerzählungen um pubertäre Liebe ausgesponnen und aufwändige Sinnbilder konstruiert, Grasspitzen zittern im weichen Frühsommerlicht und Staubkörner tanzen anmutige Choreographien. Und der penetrante Musikeinsatz zielt endgültig auf eine programmierte Zuschauerreaktion.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Vier Tage im Mai“ im Kino in Berlin

Vier Tage im Mai, Deutschland/Russland/Ukraine 2011; Regie: Achim von Borries; Darsteller: Pavel Wenzel (Peter), Alexei Guskow (Hauptmann), Ivan Shvedoff (Soldat); 98 Minuten; FSK 12

Kinostart: 29. September

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