Kino & Stream

„The Visitor“ im Kino

Dass Katarina Schröter ihrem Film „The Visitor“ den Beinamen „Ein Non-Fiction­-Film“ zur Seite gestellt hat, spricht vielleicht für den fantastischen Ausgang ihres Experiments. Denn wüsste man bei einigen Szenen nicht, dass sie „einfach so“ entstanden sind – man würde es wohl kaum glauben, so unwahrscheinlich scheinen sie. In „The Visitor“ nimmt die 1977 geborene Regisseurin, Schauspielerin und Performerin mit Menschen Kontakt auf, ohne auch nur ein einziges Wort zu benutzen.
Die Kommunikation läuft über Blicke und Gesten, Schröter imitiert die Bewegungen ihres Gegenübers, lässt sich berühren, streicheln, das Gesicht massieren, die Haare kämmen. Ein Mädchen aus Mumbai nimmt sie an der Hand und führt sie fort, als sei die große Frau mit dem langen hellbraunen Flechtzopf und dem kurzärmeligen schwarzen Kleid ein exotisches Tier.
„The Visitor“ zeigt Begegnungen, in denen ein Band zwischen Katarina Schröter und fremden Menschen in Mumbai, Shanghai und Sгo Paulo entsteht. Ein Stück weit macht dieses Band dann möglich, dass beide eine gemeinsame Reise antreten. Manchmal geht diese auch sehr weit. Den Wanderarbeiter Xilong kann Schröter zwar nicht bis zur eigentlichen Arbeitsstätte begleiten, aber man sieht sie abends mit ihm in einer Halle mit anderen Arbeitern sitzen, Zigaretten rauchen, Karten spielen. Für ein paar Nächte teilt sie sich auch einen Schlafplatz mit Cigano – in dessen Taxi. Seit vielen Jahren lebt der Mann aus Sгo Paulo hier, geht zum Duschen ins Fitness­center, eine richtige Wohnung will er sich erst zulegen, wenn die Liebe ihn besucht – aber das ist bisher nicht passiert. Eine Art Freundschaft entsteht zwischen Schröter und der Chinesin Christina Feng, die in ihrer Lunchpause Französisch lernt und sich als „extremen Menschen“ beschreibt. Wohlgemerkt: das alles erfährt Schröter ohne Nachfragen, ohne gemeinsame Sprache, ganz gewiss gibt es keinen gemeinsamen kulturellen Hintergrund.
Das Nachdenken über eine derartige Kommunikation begann für Schröter in Melbourne, als sie von der Kunsthochschule Dasarts in Amsterdam zu einem Festival eingeladen wurde, mit der Aufforderung, ein Projekt mit Aborigines zu gestalten. „Diese Gesamtsituation dort hatte etwas total Absurdes, weil wir einfach hereingeworfen wurden und irgendetwas machen sollten. Und dort habe ich versucht, auf eine ganz einfache Art Kontakt herzustellen. Das funktionierte alles nach anderen Gesetzen und hat mich fasziniert.“ Schröter nun in „The Visitor“ dabei zuzuschauen, wie sie diese Art von Kontaktaufbau gemeinsam mit Kamerafrau Paola Calvo in den drei Megastädten versucht, ist eine unwahrscheinlich reichhaltige Erfahrung. Denn mit der Lösung aus der gewohnten Sprachlichkeit öffnet sich ein Raum von wunderbar haptischer Qualität, die einem das Kino leider selten gewährt.     ?

Text: Carolin Weidner

Foto: Basis Film Verleih

Orte und Zeiten: The Visitor

The Visitor (OT) D 2014; R: Katarina Schröter; 80 Min.

Kinostart: Do, 19. März 2015 

Mehr über Cookies erfahren