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„Vivan las Antipodas“ im Kino

Vivan las Antipodas

Tatsächlich widersetzt sich der Film verbürgten Sehkonventionen und einem an­thropozentrischen Blick. Manche Einstellungen sind auf den Kopf gestellt, manchmal greift die Kamera die Bewegung von Tieren auf, manchmal lässt sie sich von Bildoberflächen leiten. Die schönsten Momente verdanken sich lyrischen Montagefolgen wie jener, in welcher der langsame Tod eines gestrandeten Wals in Neuseeland sein Echo in einem in seiner Form verblüffend ähnlichen Felsen findet, der in Spanien steht. „Die meisten Bilder verdanken sich der Inspiration direkt beim Filmen. Ich habe in jedem Land fünf, sechs Geschichten
gedreht“, erzählt Kossakovsky. Beim Montageprozess stellte sich dann jedoch rasch heraus, dass es oft nur einen einzigen Weg gibt: „Wenn man auf der einen Seite gestockte Lava sieht und auf der anderen die Haut eines Elefanten, dann ist die Verbindung so stark, dass die anderen Geschichten keine Bedeutung mehr haben. Die visuellen Verbindungen waren das Wichtigste. Der Stein in Spanien war eine so unglaubliche Entdeckung, das kann man in kein Script schreiben. Es ist mir einfach passiert.“
Eine gewisse Tendenz zum Vergleich findet sich schon in einer früheren Arbeit des Regisseurs, der „Trilogie der Liebe“ („Ja was ljubil“, 2001), in der er die Gefühlswirren in unterschiedlichen Alterstufen dokumentiert. „Vivan las Antipodas!“ ist nicht nur ein Film über unterschiedliche Zeitzonen, er erzählt auch vom Leben in gegensätzlichen Geschwindigkeiten – mit einer gewissen Vorliebe für die Abgeschiedenheit und Langsamkeit. Obwohl er keine Botschaften im Kino schätzt, wollte Kossakovsky durchaus eine Idee von Humanität vermitteln: „Wir akzeptieren Menschen mit anderen Sichtweisen meistens nicht und drängen sie dazu, so zu leben wie wir. Meiner Meinung nach müssen wir mehr Respekt füreinander aufbringen, nur so gelangen wir zueinander.“
Eine Haltung, die wohl auch Kossakovs­kys Status als Außenseiter des Dokumentarismus reflektiert. Er gilt als Kämpfer für ein reines Kino des Sehens, das sich keinem Zweck unterwirft: „Filme wie ‚Tische!‘ habe ich auch deshalb gemacht, weil ich mit dem europäischen Produktionssystem nicht einverstanden bin.“ Es gehe, so Kossakovsky, immer weniger um den Film und sein Publikum, sondern nur noch um den Verkauf von Ideen an Filmfonds, an TV-Stationen und ähnliche Institutionen: „Ich wollte beweisen, dass man auch Filme ohne Geld machen kann.“ Allerdings muss man dann auch so wie er instinktiv wissen, worauf man zu schauen hat.

Text: Dominik Kamalzadeh

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Vivan las Antipodas!“ im Kino in Berlin

Vivan las Antipodas!, Deutschland/Niederlande/Argentinien 2011; Regie: Victor Kossakovsky; 108 Minuten; FSK 0

Kinostart: 23. Februar

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