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„Vivan las Antipodas“ im Kino

Vivan las Antipodas

Die erste Frage zielt auf einen Temperaturabgleich. „Wie kalt ist es bei Ihnen?“, will Victor Kossakovsky wissen. „Minus neun Grad“, antwortet der Interviewer pflichtschuldig. „Glückspilz!“, ist es vom anderen Ende der Leitung zu vernehmen. Kossakovsky, einer der bedeutendsten russischen Dokumentarfilmemacher, lebt in St. Petersburg, wo zum Zeitpunkt des Gesprächs minus 22 Grad herrschen. Was das konkret bedeutet, kann sich der an Kossakovskys Werk interessierte Zuschauer auch deswegen gut vorstellen, weil er manchmal einfach seine unmittelbare Umgebung filmt. In „Tische!“ (2002) montierte er ausschließlich Aufnahmen aus dem Fenster seiner Wohnung zu einem Film der erhaschten Augenblicke. Über den Zeitraum eines Jahres hinweg konnte man darin etwa beobachten, wie im Zuge von Bauarbeiten ein Loch in den Asphalt gerissen wird und so nachlässig wieder geschlossen wird, dass die Arbeit mehrere Male wiederholt werden muss.
Vivan las Antipodas„Ein Stück Asphalt“, sagt der 50-jährige Filmemacher, „kann für mich die ganze Welt beinhalten.“ Kossakovsky ist ein Regisseur mit verblüffender Beobachtungsgabe, doch hinsichtlich weit in die Ferne führender Bewegungen war er bisher ein Minimalist. Um so mehr erstaunt es, dass er mit „Vivan las Antipodas!“ nun einen Film mit gleich acht globalen Schauplätzen realisiert hat. Dem ersten Anschein nach handelt es sich um die Erfüllung eines Kindheitstraums: Wie, so fragt der Film, sieht es auf dem genau gegenüberliegenden Punkt eines Ortes aus? Vier solcher Antipoden-Paare hat Kossakovsky ausgewählt, hat vier unsichtbare Verbindungslinien von Hawaii bis Botswana, von Chile bis Russland oder von Argentinien bis China gezogen und miteinander verknüpft. Das Ergebnis ist kein gängiger Dokumentarfilm, sondern eher ein visuelles Gedicht, das sich von Assoziationen und anderen bildlichen Ideen leiten lässt.
Kossakovskys Motivation für den Film verdankt sich somit keiner Idee von Globalisierung, sondern ist das Resultat einer Übersättigung mit Bildern: „Wir machen mittlerweile einfach zu viele Filme. Allein für die Berlinale wurden 10?000 Filme eingereicht – und das ist nur ein Festival“, stöhnt der Filmemacher. „Es ist so schwierig geworden, überhaupt noch ein Publikum zu finden, oder nur zu entscheiden, was gut und was schlecht ist. Wir verschmutzen den Planeten mit visuellem Müll.“
Deshalb ist Kossakovsky davon überzeugt, dass es ein Fehler sei, heutzutage noch „einen normalen, guten Film“ zu produzieren. Eine andere Form von Weltbetrachtung wird notwendig – eine, die dem Zuschauer neue Blickwinkel anbietet, ihn überraschen, überwältigen will. Sieht er sich gar als Nachkomme seines Landsmannes Dziga Vertov, dem Avantgardisten des sowjetischen Kinos, der in „Der Mann mit der Kamera“ einst die Möglichkeiten des technischen Überauges gefeiert hat? „Vertow ist wichtig, aber auch sein Antipode, Robert Flaherty: Der perfekte Dokumentarist würde Qualitäten von beiden vereinen.“
In „Vivan las Antipodas!“ ging es auch darum, alle Eindrücke gleichwertig zu behandeln und spontan auf die Umgebung und die jeweiligen Verhältnisse zu reagieren: „Wenn es windig wurde, filmten wir den Wind. Dasselbe galt für Wolken, Schnee, Regen. Wir sind den Launen der Natur gefolgt“, erzählt Kossakovsky. „Mensch und Wal, Stein und Schmetterling, Kondor und Hund – alles hatte die gleiche Bedeutung.“

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