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Volker Koepp im Interview

Volker Koepp

tip Herr Koepp, Ihre Filme werden vor allem als eine Art fortlaufende Geschichtsschreibung für die europäischen Gebiete östlich der Elbe wahrgenommen. In Ihrem neuen Film „In Sarmatien“ erklären Sie jedoch gleich zu Beginn, dass Ihr Interesse an der Gegend zwischen Ostsee und Schwarzem Meer von dem Dichter Johannes Bobrowski geweckt worden ist. Gab es ursprünglich also eher eine Liebe zur Poesie als ein alltagsgeschichtliches Interesse?
Volker Koepp In meiner Jugend, in der Zeit, nachdem ich mit meinen Eltern von Berlin nach Dresden gezogen war, habe ich sehr viel Gedichte gelesen, Landschaftslyrik, Gedankenlyrik. Da bin ich dann auch auf Johannes Bobrowski gestoßen, der war ja Anfang der 60er-Jahre eines der letzten gesamtdeutschen Literaturereignisse. Ich traf mich mit meinen Freunden immer im Freibad Bühlau, und da brachte Ralf Winkler, der als Maler später als A. R. Penck bekannt wurde, eines Tages „Die sarmatische Zeit“ mit. Das waren Gedichte, und für diese Gegend war es sicher der Auslöser des Interesses. Ich habe dann auch später beim Schnitt von Filmen, bei der Zusammenstellung des gedrehten Materials, gemerkt, dass diese Art, zwei Filmenden zusammenzufügen, irgendwie auch so ähnlich ist, als ob man zwei Zeilen miteinander verquickt. Das hat mir ganz gut gefallen, und als mir das bewusster wurde, bin ich beim Dokumentarfilm geblieben.

In Sarmatientip Was hat dann Ihr Interesse an den Menschen geweckt? Haben Sie das über die Verwurzelung der Menschen in Landschaften entdeckt?
Volker Koepp Das hat natürlich auch mit dem Medium zu tun, dass man Leute ihr Leben erzählen lässt. Nach einer Reihe von Filmen, die eher porträthafte Züge hatten, wie „Kalte Heimat“ und „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“,  wo wir sehr viel mit Menschen geredet haben, da fühlte ich mich irgendwie nicht mehr ganz wohl. Wenn man jahrzehntelang den Leuten auf die Bude gerückt ist… Immer geht man zu denen hin und will was von denen… Ich dachte damals, jetzt mache ich einen Film, in dem ich nur mit Landschaften arbeite, aber das geht dann auch nicht. Dann sieht man da hinten jemanden und denkt, eigentlich könnte man den doch mal fragen, wie es dem so geht oder wo er herkommt. Und dann geht man hin und dreht das… Und das ist gar nicht so weit weg von der Poesie.

tip Die Migrationsbewegungen sind das große Thema der Filme, die Sie in der sarmatischen Gegend gedreht haben. Den Vertreibungen, Fluchten und Zwangsumsiedelungen des 20. Jahrhunderts steht jetzt eine Migrationsbewegung gegenüber, die wohl vor allem mit der Suche nach besseren Lebensbedingungen zu tun hat. Ana, Ihre Protagonistin aus Moldawien, sagt einmal: „Die neue Zeit vernichtet anders.“ Weil nur die alten Leute zurückbleiben und die jungen Leute gehen.
Volker Koepp Der Auslöser für den neuen Film war eigentlich, dass ich gern mal wieder hinwollte in all diese Gegenden. Nun waren Herr Zwilling und Frau Zuckermann und die anderen Alten bereits alle gestorben, und da habe ich mich an die jungen Frauen erinnert, die uns damals geholfen haben bei der Arbeit, die mitkamen zum Übersetzen. Und mit denen haben wir natürlich auch über das Leben geredet. Aber es ist auch so, dass hier eigentlich kein Mensch weiß, was das für Länder sind, Moldawien oder die Ukraine. Wenn jetzt nicht diese Nähe zum Krieg aufflammen würde in der Ukraine, dann hätte man auch wieder so gut wie nichts davon gehört. In einem Ausschnitt, der jetzt in unserem Film ist, erzählt Frau Zuckermann ja davon, dass das Interesse an ihrem Deutschunterricht gestiegen sei, seit sich die Ukraine dem Westen etwas annähern will – und das ist jetzt auch schon 15 Jahre her. Die Zeit ist verstrichen und es ist nichts passiert.

tip Aber natürlich bewegen sich Ihre Protagonistinnen Ana und Tanja auch ganz selbstverständlich zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Tanja bringt das an einer Stelle auf den Punkt, wenn sie sagt, sie verwende den Begriff „bei uns“ sowohl für ihr neues Zuhause in Deutschland als auch für das alte in Czernowitz bei ihren Eltern. In dieser polyglotten Selbstverständlichkeit liegt doch Hoffnung, oder?
Volker Koepp Das ist die Hoffnung, die da wirklich drinsteckt, dass es mal so sein könnte. Das könnte doch normal sein, dass jemand sich dort aufhält, wo er gern möchte. Oder wie Tanja sagt: „Es ist ja nichts Unrechtes, nach Glück zu streben.“

Foto oben: David von Becker

Foto unten: Volker Koepp / Edition Salzgeber

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