Kino & Stream

„Voll und Ganz und Mittendrin“ im Kino

ollUndGanzUndMittendrin_06_c_KarinaFineganPhotography_SamsonFilms_SenatorFilmVerleihEine quirlige irische Familie, die von der Holzwerkstatt des Vaters lebt und manchmal mit einem alten Volvo ans Meer fährt. Ein scheuer Wissenschaftler, der langsam von der lebhaften Familie adoptiert wird. Die Grundaufstellung von „Voll und Ganz und Mittendrin“ klingt nach hübschem europäischem Sommerkino vor malerischer Kulisse. Das stimmt auch fast, nur liegen die Dinge im Debütfilm der Amerikanerin Steph Green nicht ganz so einfach. Das verdeutlicht schon die Eröffnung: Da fährt Maxine Peake als Vanetia bei einer Klinik vor, um ihren Ehemann abzuholen. Doch der ist während der Fahrt kaum ansprechbar. Nach einem Schlaganfall kehrt er wesensverändert zurück in den Familienalltag, mit beeinträchtigtem Sprach- und Gefühlsapparat. Zudem ist der Kranke in Begleitung eines Neuromediziners, der ihn auf Schritt und Tritt mit der Kamera verfolgt. Wie sich das Neusortieren in der Extremsituation vollzieht und was der Ausfall der zentralen männlichen Figur für das kleine System bedeutet, erzählt Greens Film bemerkenswert feinsinnig. So sehr gerät die alte Ordnung in Unruhe, dass auch Neurologe Ted in die Dynamik hineingezogen wird und bald in die Mitte der Familie rückt, wo er sich zunehmend aufgehoben fühlt. Die Dreiecks-Konstellation könnte leicht ins Rührselige führen.

Doch bleibt Greens Film erfreulich unsentimental. Das liegt zum einen an den wunderbaren Schauspielern um Energiebündel Peake und Will Forte (sonst als „Saturday Night Live“-Comedian bekannt). Hinzu kommen lebensnahe Dialoge, die gekonnt die Balance zwischen Ernst und Leichtigkeit halten. Das hohle Mitleid etwa, das Vanetia im Bekanntenkreis entgegenschlägt, beschreibt sie treffend mit dem Satz: „Es ist, als wenn du frierst, und jemand legt dir eine nasse Decke um.“ An anderer Stelle beantwortet der Arzt Ted die Frage der kleinen Tochter, ob er denn keine Familie habe: „Nein, ich bin stattdessen Wissenschaftler.“ Mit ihrem leisen Humor entfalten die Figuren Glaubhaftigkeit und Tiefe, was sie bis in die Nebenrollen interessant macht. Es spricht für die Regisseurin, ihren realitätsnahen Stil bis zum Ende beizubehalten, ohne die Geschichte in einem rosaroten Finale ausklingen zu lassen.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Karina Finegan Photography / Samson Films / Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Voll und Ganz und Mittendrin“ im Kino

Run & Jump Irland/Deutschland 2013; Regie: Steph Green; Darsteller: Maxine Peake (Vanetia Casey), Will Forte (Dr. Ted Fielding), Edward MacLiam (Conor Casey); 106 Minuten; FSK 6

Kinostart: 5. September

Mehr über Cookies erfahren