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„Von Menschen und Göttern“ im Kino

Von Menschen und Göttern

Algerien, 27. März 1996: kurz nach Mitternacht dringen an die 20 Männer in das 1938 gegründete Trappisten-Kloster Notre-Dame de Tibhirine ein und entführen sieben Mönche. Zwei weitere Brüder, die in einem Nebengebäude schlafen, werden vom Lärm wach, können aber erst am folgenden Morgen die Polizei benachrichtigen. Am 21. Mai verkündet die GIA, eine militante islamistische Gruppe, den sieben Mönchen seien die Kehlen durchgeschnitten worden. Wenige Tage später bestätigt die algerische Regierung, die Leichen der Mönche gefunden zu haben. Allerdings werden dem französischen Abgesandten des Ordens lediglich ihre Köpfe präsentiert, die Körper bleiben verschwunden, auch die Ergebnisse der Autopsie werden nie übermittelt. Die genauen Umstände der Entführung und Ermordung der Mönche sind bis heute nicht geklärt, die Details nähren jedoch eine Reihe von Theorien, die der offiziellen Version widersprechen und u.a. die algerische Armee bzw. den Geheimdienst belasten, andere implizieren sogar die französischen Sicherheitsbehörden.
Von Menschen und GötternDass Xavier Beauvois’ Film „Von Menschen und Göttern“, Kritiker- und Jury-Liebling in Cannes 2010, auch beim französischen Publikum so großen Erfolg hatte, war eine der großen Kinoüberraschungen dieses Jahres. Mehr als zwei Millionen Zuschauer, inzwischen ist der Film als Beitrag Frankreichs für die Auslandsoscars vornominiert. Auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte sich den Film für eine private Vorführung im Elysйe-Palast erbeten. Auch der Papst und seine Kardinäle interessierten sich.
Zwar drängeln sich im laizistischen Frankreich zuallererst die katholischen Fraktionen an den Kinokassen. Aber nicht nur die Gläubigen begeistern sich für „Von Menschen und Göttern“. Xavier Beauvois, selbst erklärter Atheist, der seine Kinder nicht hat taufen lassen, weil er das für „idiotisch“ hält, hat keinen religiösen Film gemacht. Er filmt den Glauben der Mönche und steht damit in der Tradition Carl Theodor Dreyers, dessen Kamera das Religiöse beobachtet – ohne Partei zu ergreifen. Beauvois’ Film dokumentiert das schlichte Leben der Mönche in ihrem abgelegenen Kloster im algerischen Atlas kurz vor ihrer Entführung, folgt ihrem Tagesablauf, der vom rituellen Rhythmus der Gebete und liturgischen Gesänge geregelt ist. Er zeigt, wie sie ihren Garten bestellen, den Einwohnern der benachbarten Dörfer medizinische Hilfe bieten und an den muslimischen Festen teilnehmen. Die Mönche (und Schauspieler) bekommen jeder eine eigene Geschichte, die sich aus ihren Gesten und gemeinsamen Gesprächen entfaltet.
Die unbeschreibliche Welle der Gewalt, die nach dem Militärputsch und der Auflösung der Islamischen Front ganz Algerien erfasst und im Chaos versinken lässt, macht auch vor dem einsamen Kloster nicht Halt. Flüchten (und damit sein Leben retten) oder standhalten (aus Solidarität mit den Dorfbewohnern) – diese Frage stellt sich jetzt auch für die Brüder, und jeder von ihnen antwortet darauf mit seinen eigenen Ängsten und Zweifeln, bis sie schließlich in einer grandiosen Szene zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen.
Von Menschen und GötternDie Kunst dieses beinahe minimalistischen und mit einfachen Mitteln gedrehten Films besteht darin, verschiedene Lesarten zu ermöglichen und einen Freiraum zu schaffen, in dem sich erstaunlicherweise sowohl gläubige Katholiken als auch überzeugte Atheisten und Agnostiker wiederfinden können. Auch zur Frage nach den Schuldigen des Massakers nimmt Beauvois nicht direkt Stellung. Selbst wenn er alle Details der Geschichte sorgfältig recherchiert und mit verschiedenen technischen Beratern zusammengearbeitet hat – unter ihnen auch ein Zisterziensermönch, der ihm während der gesamten Dreharbeiten in Marokko zur Seite stand –, versteht sich sein Film weder als historische Rekonstruktion noch als politisches oder religiöses Pamphlet. Er bleibt für verschiedene Interpretationen offen.
Beauvois interessiert sich vielmehr dafür, was sich im Inneren des Klosters zwischen den Mönchen abspielt, für das Geheimnis ihres Glaubens, die Ideale der Brüderlichkeit und der spirituellen Gemeinschaft, der sie ihr Leben verschrieben haben – für die existenziellen Fragestellungen, mit denen sie in dieser Situation, in der sie ihr Leben aufs Spiel setzen, konfrontiert werden. Worin besteht letztendlich ihre Freiheit?
Aber bei allem Enthusiasmus, den der Film auslöst, bleibt doch manches offen. Die Zeitung Libйration fragte, ob jene Franzosen, die sich derart für „Von Menschen und Göttern“ begeistern, sich auch die Frage stellen würden, in welchem Kontext die Vertreter der katholischen Kirche überhaupt nach Algerien gekommen sind.

Text: Barbara Lorey

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Von Menschen und Göttern“ im Kino in Berlin

Von Menschen und Göttern (Des Hommes et des Dieux), Frankreich 2010; Regie: Xavier Beauvois; Darsteller: Lambert Wilson (Christian), Michael Lonsdale (Luc), Olivier Rabourdin (Christophe); 120 Minuten; FSK 12

Kinostart: 16. Dezember

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