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Vorbericht zu „Mad Max: Fury Road“

Er will jetzt nicht hier sein. Festgenagelt im Neonlicht eines Konferenzraumes in Calgary, während vor den Hotelfenstern die spätwinterliche Sonne untergeht. Tom Hardy rutscht ungeduldig auf dem Stuhl herum, zieht die abgewetzte Mütze noch ein Stück tiefer ins bärtige Gesicht. Er wäre lieber draußen, murmelt er, mit Leonardo DiCaprio und Alejandro Gonzбlez Iсбrritu. Zusammen drehen sie gerade in den Wäldern Kanadas den Survival-Thriller „The Revenant“.
Nur bei Natur­licht, in empfindlicher Kälte. Ein typisch extremes Projekt für Hardy, dem Rollen ohne erhöhten Schwierigkeits­grad nicht ins Haus kommen. In „No Turning Back“ brütete er zuletzt einen Film lang in der Enge eines Autos, in „Legend“ spielt er bald kriminelle Zwillinge – und mit russischem Akzent versucht sich Hardy im Juni in „Child 44“.
Doch das ist alles nichts an Kraftaufwand im Vergleich zu „Mad Max: Fury Road“, gedreht in der Wüste Namibias. 15 Jahre hat Regisseur George Miller an seiner Rückkehr ins Action-Genre gearbeitet, für die er Kamera­mann John Seale aus dem Ruhestand lockte. Nichts weniger als „visuellen Rock’n’Roll“ und „einen Western auf Rädern“ wollten die beiden erschaffen, sagt Hardy, und jede der 3?000 Einstellungen sei wie das Erschaffen eines kleinen Gemäldes gewesen. Nach kurzer Exposition ist „Mad Max: Fury Road“ von Miller als eine einzige epische Verfolgungs­jagd angelegt, Hardy hat insgesamt keine 20 Dialogsätze. Das Ziel ist pures, kinetisches Power-Kino als „eine höhere Kunstform des Kinos“ (Miller). Und weil Mel Gibson wahrlich zu alt dafür ist, kopfüber von rasenden Vehikeln zu baumeln, musste ein Jung­star mit ähnlichem Appeal her. Charismatisch, viril, klassischer Filmstar-Look – aber auch auf latente Art bedrohlich mit der Prise Wahn­sinn im Blick, die in Hollywood auch den Ruf ruinieren kann.
Charlize Theron sprach im Interview von „Angst“, die ihr die Intensität des Co-Stars beim „Fury Road“-Dreh mitunter gemacht habe, während andere Anekdoten über Hardys kurze Lunte nur hinter vorgehaltener Hand erzählt werden. Doch der 37-Jährige, der als Jugendlicher mal bewaffnet im gestohlenen Benz aufgegriffen wurde und später die Schauspielschule schmiss, ist kein wütender Bad Boy (mehr), der sich mit Marlon Brando verwechselt. Schwierig, bestimmt, das streitet er gar nicht ab. Aber fragt man Tom Hardy heute, warum er so ein Image als manischer Kollege hat, lächelt er milde und sagt mit sehr weicher Stimme: „Was denn sonst?“
„Es gibt diesen naiven Glauben, dass sich Schauspieler total in Rollen verlieren“, erklärt Hardy, „auch mich halten sie für einen Method Actor. Aber das ist Unsinn. Ich weiß immer, wer ich bin und wo ich bin, nämlich am Film­set. Doch ich weiß vor allem auch immer, warum ich dort bin: um dem Regisseur zu dienen. Einem Christopher Nolan, einem George Miller. Für die habe ich in jeder Sekunde zur Verfügung zu stehen. Plaudern und Bier trinken mit den Kollegen geht auch, wenn der Dreh durch ist. Für mich ist es ein unglaubliches Glück, diese Rollen überhaupt spielen zu können – und ich werde nie so gut sein, wie ich möchte. Doch wenn dann die Arbeit von Hunderten davon abhängt, dass ich mitten in der Wüste eine Emotion vermittle – dann pushe ich mich dafür auch in jeder Sekunde.“
Seit seinem Durchbruch als Berserker-Häftling in „Bronson“ hat sich Hardy über Parts in „Inception“ oder „Warrior“ bis hin zu „The Dark Knight Rises“ einen Ruf als transformativer Charakter­darsteller mit Frontmann-Qualität aufgebaut, der sich aber lieber entstellt, maskiert oder am Rand hält, als das ganz große Publikum zu suchen. „Mad Max: Fury Road“ dürfte das alles ändern, das Comeback des coolsten aller Endzeitkrieger ist auf drei Filme angelegt und Hardy mit einem Stiefel schon auf der Stufe globalen Ruhms. Und es beschäftigt ihn sichtlich, was mit der Weltpremiere in Cannes über ihm herein­brechen mag. „Es ist ein Spiel mit der Maschine, in der du ohne Kontrolle sehr schlechte Karten hast“, beschreibt Hardy seinen Tanz mit Hollywood, „weil du natürlich dein Gesicht hinhalten musst, wenn so ein teurer Film verkauft wird. Und je besser er sich verkauft – desto leichter habe ich es beim nächsten Job, schon klar.“
Hardy verzieht das Gesicht, während er von Macht und Mechanismen spricht, weil er sich genau solche Gedanken nicht machen will. Den Fake-Verdacht vor der Kamera abzuschütteln ist schwer genug, da muss er sich nicht auch noch privat verstellen. Unter der Flut britischer Schauspieler, die in den letzten Jahren in die A-Liga einbrachen, ist er der physischste und instinktivste. Verheiratet und mit Kind, aber auch mit harter Drogen­vergangenheit. Bis heute geht Hardy in Szenen furchtloser dorthin, wo es wehtun könnte, weil er Schmerz nicht mehr fürchtet oder sogar sucht. Dass er Angriff manchmal für die beste Verteidigung hält, mag man Tom Hardy nachsehen, der sich eine unberechenbare Rohheit bewahrt hat, die von Herzen kommt. Über dem Tom Hardy auf breiter Brust übrigens eine Tätowierung von Buddha trägt – mit einer AK-47 im Anschlag.

Text: Roland Huschke

Foto: Jasin Boland / 2014 Warner Bros. Entertainment Inc. / 2012 Village Roadshow Films (BVI) Limited

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