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„Dorfpunks“ im Kino

Schwer knirschen Springerstiefel über einen Acker. Ein Junge läuft in den Sommerabend, das Skateboard unter den Arm geklemmt. Roddy trägt es als cooles Statement wie die blondierten Haarstacheln und das angeranzte Outfit. Sein Versuch von Punk. Ganz weit hinten rauscht die Ostsee. Mit der Romanverfilmung „Dorfpunks“ strudelt Lars Jessen („Der Tag, an dem Bobby Ewing starb“) zurück ins Jahr 1984 in das fiktive Schmalenstedt. Dieses Kaff hat sich Musiker und Entertainer Rocko Schamoni ausgedacht, als er sich seine Jugend vom Leib schrieb und fragmentarisch festhielt, wie doppelt öde Pubertät auf dem Land sein kann. Ein zähes Fließen von Zeit in klaustrophobischer Kulisse. Roddy Dangerblood, so nennt sich Schamoni, bis er 19 wird, weiß damals nur eines: Dass es wichtig ist, anders zu sein. Anders als die Bauernjungs und die grölenden „Rotärsche“ (Bundeswehrsoldaten), anders als die Nettmenschen und Popper. Mit bestechender Selbstironie taucht Schamoni durch die Tiefen seiner Pubertätshölle, in die der Punk als „Jugendtsunami“ hereinbricht.
Nun hüpft Jungschauspieler Cecil von Renner als Roddy Dangerblood durch die Szenerie. Mit seinem heiteren Naturell könnte er als Hare-Krischna-Jünger überzeugen – aber als erster Punk der Ostsee? Es liegt aber nicht nur an ihm, dass „Dorfpunks“ als Film nicht überzeugt. Lars Jessen verdichtet den Roman auf wenige Episoden, die Roddy und seine Gang durch einen Sommer tragen sollen. An dessen Ende geht jeder seiner eigenen Wege, doch bis dahin wird gesoffen, geprügelt, verwüstet, eine Band gegründet. Auf Dauer ist das ziemlich langweilig. Umso mehr, weil dabei Schamonis Sprachwitz ebenso auf der Stre­cke bleibt wie die dunklen Stunden voller Selbstzweifel und Melancholie. Punk war eben nicht nur plakatives Posen. Seine subversive Energie hat Jessen der seichten Unterhaltung zuliebe unterschlagen. Dabei hätte er auch anders gekonnt, wie der grandiose Auftritt von Axel Prahl (Jahrgang 1960) als Music-Maniac und Wirt beweist. Als einziger Erwachsener begegnet er den Jungs auf Augenhöhe und jäh haucht sie uns an – die Haltung vom Anderssein.

Text: Cristina Moles Kaupp

tip-Bewertung: Zwiespältig

Dorfpunks, Deutschland 2008; Regie: Lars Jessen; Darsteller: Cecil von Renner (Roddy Dangerblood), Ole Fischer (Fliegevogel),
Pit Bukowski (Sid Schick); Farbe, 93 Minuten

Kinostart: 23. April 2009

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