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„Vorsicht Sehnsucht“ im Kino

Das erste Bild: ein Narrenturm, vielleicht. Das zweite: Grasbüschelchen, die titelgebenden „Les herbes folles“, die sich ihren Weg durch den Asphalt von Paris brechen, vom Wind zart gezaust. Gleich wird Sabine Azйma mit ihren roten Schuhen durch die Eröffnungssequenz marschieren, begleitet von einem Music-Score, der alles ankündigen könnte – vom Melodram bis zum aufgekratzten Hitchcock-Suspense. Keine zehn Sekunden braucht Alain Resnais in „Vorsicht Sehnsucht“, um die Eckpunkte zu definieren, in denen sich seine irrwitzige, hakenschlagende Erzählung bewegen wird.
Leichte Formen der Verrücktheit spielen eine Hauptrolle, abrupte Tonartwechsel und ironische Volten, die auch die kleinste Szene in ihrem Fortgang in zwei, drei unerwartete Richtungen lenken können. Die auslösende Episode um die gestohlene Geldbörse, die Georges Palet (Andrй Dussollier) findet und der Besitzerin Marguerite (Sabine Azйma) zurückgeben will, birgt in sich bereits zahllose Verunsicherungen. Die allzu intensive Lektüre der Ausweispapiere durch den Finder wirkt obsessiv, ein Gedanke, den auch der allwissende, aber doch einigermaßen zerstreute Off-Erzähler nicht ausräumen mag. Allerdings ist auch er nur eine Stimme unter anderen, seine Kommentare werden bald von den inneren Stimmen der Helden überlagert, während die Erzählung zwischen Beinahe-Romanze und schräger Stalker-Geschichte vor sich hin mäandert, romantische Euphorie ansatzlos in Aggression („Ich hätte Lust Ihnen zu verpassen, was Sie verdienen!“) umschlägt.
Im Juni feiert Resnais seinen 88. Geburtstag, aber sein Kino ist so jugendlich, wie man es sich nur vorstellen kann, virtuos darin, die anarchischen Strukturen von Literatur und Theater aufzunehmen und auf der Leinwand noch zu überbieten. Die Vorlage liefert ihm hier ein Roman von Christian Gailly (und die zwölf weiteren Gailly-Bände, die Resnais zur Vorbereitung verschlungen hat). Die Begeisterung für diesen Autor erklärt sich auch damit, dass Gailly mit seinem elliptischen, immer wieder im Halbsatz unterbrochenen Stil das grammatische Modell für Resnais’ Montage zur Verfügung stellt. Er bringt etwas auf den Punkt, das der Regisseur von Anfang an etwa in den Nouveau-Roman-Drehbuch­ideen von Robbe-Grillet („Letztes Jahr in Marienbad“) oder zuletzt in den experimentellen Dramen von Alan Ayckbourn („Coeurs“, „Smoking/No Smoking“) gesucht hat. Sein Genre ist es, Genres zu zertrümmern, das Zwingende ihrer Erzählweisen aufzuheben und in den Lücken nach neuen möglichen Verkettungen von Geschichten zu suchen. Sie wuchern darin wie die Gräser im Asphalt.
Resnais spielt auch hier mit diesen Brüchen auf die denkbar vergnüglichste Weise, er illustriert Georges‘ nicht wirklich romantische Tagträume in kleinen Denkblasen, die am Bildrand erscheinen, fabriziert immer schrägere Subgeschichten um Nebenfiguren, wirft ein immer giftigeres Licht in seine hyperrealen Studiodekors. Ein irisierendes Leuchten kommt aus den seltsamsten Ecken. Feuerrot glimmen die buschigen Haare von Sabine Azema, grün phosphoresziert das Traumgesicht von Dussollier in der Windschutzscheibe, giftig gelb glüht das „Cinema“-Schild in der Studioatmosphäre. Ein merkwürdiger Übereifer zeichnet seinen vorbestraften (wofür?) Helden aus, der bei der Polizei auf ebenso übereifrige Beschützer (warum?) trifft. Mit seiner sprunghaften, immer wieder sich selbst ins Wort fallenden Erzählweise liefert Resnais keine Auflösungen, nur immer neue, immer wildere Rätsel und ein furioses Finale, das natürlich erst recht nichts erklärt.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Vorsicht Sehnsucht“ im Kino in Berlin

Vorsicht Sehnsucht (Les herbes folles), Frankreich 2009; Regie: Alain Resnais; Darsteller: Sabine Azйma (Marguerite Muir),
Andrй Dussollier (Georges Palet), Anne Consigny (Suzanne); Farbe, 104 Minuten

Kinostart: 22. April

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