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„W.E.“ im Kino

W.E.

„Die größte Romanze aller Zeiten“: Darunter macht es die Queen of Pop nicht, wenn sie die klassischen drei Minuten verlässt und sich aufs filmische Erzählen verlegt. Und eine Mission hat sie noch dazu, nämlich die Ehrenrettung jener Mrs. Simpson, für die der britische König Edward VIII. 1936 auf den Thron verzichtete. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde die geschiedene Amerikanerin als kalt und berechnend verdammt, Madonna sieht in ihr jedoch die selbstbestimmte Liebende, ein modernes Rollenmodell, von dem auch eine zeitgenössische Frau die Emanzipation von falschen Selbstbildern lernen kann. Deshalb ist „W.E.“ – für Wallis & Edward – nicht als lineares Biopic konstruiert, sondern in den Rahmen der historischen Versteigerung des Nachlasses des Herzogs und der Herzogin von Windsor 1998 bei Sotheby’s eingefasst. Am Rande dieses Ereignisses flieht Wally Winthrop, eine junge Frau aus bester New Yorker Gesellschaft, aus ihrer unglücklichen Ehe in die scheinbare Märchenwelt der Windsors, bis ihr die zur Auktion stehenden Objekte selbst nach und nach die wahre Geschichte erzählen.
W.E.Wallis Simpson ist ganz offensichtlich ein reizvoller identifikatorischer Sparring-Partner für Madonna, der Virtuosin der zeitgeistigen Selbstinszenierung. Das Ergebnis hätte eine spannende psychologische Überblendung werden können, doch je näher Madonna Wallis kommt, desto weniger fällt ihr ein und umso strikter verteidigt sie die Geschlossenheit des romantischen Diskurses gegen dramaturgische und – was schwerer wiegt – historische Korrekturen. Denn Edward sympathisierte seit den frühen 30ern mit den Nazis und besuchte 1938 Deutschland – zusammen mit Wallis, die ihn in seiner Position unterstützte, blonde Kinder streichelte und Hitler charmierte. Fakten, die Madonna im Filmdialog als Gerüchte zurückweisen lässt.
Gut ist sie dann doch wieder als Material Girl, als Hohepriesterin einer exquisiten historischen Ausstattungsorgie, die das Skandalöse der Beziehung übersetzt in die moderne Kühle des Dekors und die Extravaganz der Kostüme. Die quecksilbrig-elegante Andrea Riseborough spielt Wallis Simpson aus der Selbsterfahrung der Regisseurin als Performerin heraus, trägt die Couture-Roben von Dior und Vionnet als das, was sie eigentlich sind: Rüstungen auf dem Schlachtfeld gesellschaftlicher Differenzierung. Dabei steht die vorgeführte Außenwirkung als Lebensstil auch für eine Ablöse der Repräsentationssysteme vom Traditionalismus der konstitutionellen Monarchie hin zu Cele­britykult und Konsumfetischismen, wie sie Wallys polierte 5th-Avenue-Welt prägen.
Wobei diese potenzielle Metaebene unbemerkt bleibt von einem hektischen filmischen Diskurs, der mit dem Verschrauben vorhersehbarer Wendungen vollauf beschäftigt ist. Die Musikerin Madonna scheint dem Irrtum aufzusitzen, ein abendfüllender Spielfilm funktioniere wie ein gelungener Song, und versucht, die Aufmerksamkeit durch Tempo an der Kandare zu halten, als ließe sich die Einheit BPM umrechnen in Schnitte, Musikeinsätze, Szenen- und Kostümwechsel. Die Fantasie des Zuschauers bringt man so gerade nicht zum Tanzen.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „W.E.“ im Kino in Berlin

W.E., Großbritannien 2011; Regie: Madonna; Darsteller: Abbie Cornish (Wally Winthrop), Andrea Riseborough (Wallis Simpson), James D’Arcy (King Edward VIII.); 115 Minuten; FSK 12

Kinostart: 21. Juni

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