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„Wagner & Me“ im Kino

Wagner & Me

Wie problematisch sich das Verhältnis vieler Juden zur Musik und Person Richard Wagners gestaltet, zeigte erst kürzlich die helle Aufregung um ein von der israelischen Wagner-Gesellschaft geplantes Konzert an der Universität von Tel Aviv. Am 18. Juni sollte erstmals seit einem Boykott von 1938 in Israel wieder ein ganzer Konzertabend der Musik des deutschen Komponisten gewidmet werden. Doch die Veranstaltung musste auf Druck von Holocaust-Überlebenden abgesagt werden.
Das massive Missbehagen am deutschen Komponisten hat vor allem zwei  Gründe: Zum einen hatte sich Wagner in seinem 1850 verfassten Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ als unverbesserlicher Antisemit ausgewiesen (sowie als kleinlicher Neider der seinerzeit erfolgreicheren Komponisten Mendelssohn Bartholdy und Meyerbeer), und zum anderen hatten seine Nachkommen einst den großen Wagner-Fan Adolf Hitler mit offenen Armen auf dem grünen Hügel in Bayreuth willkommen geheißen.
Doch nicht nur der „Führer“ liebte Wagner, auch der britische Schauspieler Stephen Fry, ein Jude, der selbst Angehörige im Holocaust verloren hat, ist seit seiner Jugend emotional tief berührt von der Musik des romantischen Gesamtkunstwerks. In Patrick McGradys Dokumentation „Wagner & Me“ unternimmt Fry deshalb gleich in mehrfacher Hinsicht eine Reise: zum Festspielhaus nach Bayreuth, um dort hinter die Kulissen einer neuen Saison zu blicken, an schicksalhafte Orte in Wagners Leben, aber auch zum Grund der eigenen Begeisterung und den zaghaften Zweifeln, die ihn bei der umfassenden Beschäftigung mit dem Thema Wagner beschleichen.
Wagner & MeBei seinen Besuchen hinter den Bayreuther Kulissen wirkt Fry fast wie ein Kind im Süßwarenladen: Er besucht Proben, blickt in Werkstätten und Stofflager, flirtet verschämt mit den Walküren und schüttelt Eva Wagner-Pasquier freudig die Hand. Natürlich ist Fry ein begnadeter Entertainer, das macht auch einen beträchtlichen Teil des Reizes dieses Films aus. Doch die Begeisterung ist zweifellos echt und wird von Fry so ungeheuer kenntnisreich vermittelt, dass man bald selbst Lust verspürt, vielleicht einmal dem revolutionären „Tristan-Akkord“ nachzuspüren, den hier der Pianist Stefan Mickisch erklärt.
Zudem steckt der Film immer wieder voller amüsanter inszenatorischer Einfälle, etwa wenn Fry einen bayerischen Feldweg entlangläuft, dabei von den enormen Schulden des Komponisten berichtet und die zwingende Notwendigkeit eines reichen Mäzens ins Spiel bringt. Als die Ka­­mera ein wenig nach oben schwenkt, kommt die real-disneyeske Kulisse von Schloss Neuschwanstein ins Bild – und klar: Mit König Ludwig II. von Bayern, dem bedeutendsten Wagner-Verehrer seiner Zeit, als Sponsor nahm das Leben des Komponisten eine märchenhafte Wendung.
Doch Fry und Regisseur Patrick McGrady machen es sich und uns nicht einfach: Immer wieder verschränkt der Film auf intelligente Weise das Schöne mit dem Schrecklichen, kontrastiert etwa das sanft-romantische Musikstück „Träume“ mit Erläuterungen zu Wagners Antisemitismus. Zudem lässt sich Fry schlüssig erläutern, was die Parteitagsaufmärsche der Nazis mit Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu tun haben. Und so ist auch das Unbehagen echt, das Fry auf dem Reichs­parteitagsgelände in Nürnberg angesichts der profanen Umsetzung von Opern-Fantasie in grausame Realität befällt. Nachdem ihm jedoch die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, eine Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz, von Wagner allenfalls unter künstlerischen Aspekten abrät („fünf Stunden Lärm“), macht sich Fry dann doch auf zum Festivalabend auf dem grünen Hügel und beschließt, sich seinen Wagner nicht von den Fehlinterpretationen der Nazis vermiesen zu lassen: Die Schönheit von Wagners Kunst, so Fry, sei fundamental gut.

Text: Lars Penning

Fotos: Film Kino Text

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Wagner & Me“ im Kino in Berlin

Wagner & Me, Großbritannien 2010; Regie: Patrick McGrady; 89 Minuten

Kinostart: 21. Juni

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