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„The Walk“ im Kino

Vielleicht würde man als Amerikaner – und speziell als New Yorker – anders auf einen Film blicken, der von einem erfolgreichen Drahtseilakt zwischen den beiden Hochhaustürmen des World Trade Centers erzählt. Denn Regisseur Robert Zemeckis hat die Melancholie der Erinnerung an das nach den Terrorakten vom 11. September 2001 im Schutt versunkene Wahrzeichen Manhattans in die Rezeption von „The Walk“ deutlich mit eingeplant. Oder vielleicht würde es auch schon reichen, wenn man in dem Drahtseilkunststück, das der Franzose Philippe Petit im Jahr 1974 tatsächlich unternahm,  jenen großen Akt der Poesie erkennen würde, den der Film behauptet.
Sofern man jedoch kein New Yorker Circus-Roncalli-Liebhaber ist, hat man es mit „The Walk“ schon schwerer: Dann bleiben einem vor allem die spektakulären Szenen der ausgiebig ausgereizten Seilüberquerung in auf dem neusten Stand der Technik befindlichem 3D, das bei den Abgründen, die sich hier auftun, tatsächlich Sinn macht. Und die durchaus spannende, minutiös dargestellte Vorbereitung der klandestinen Unternehmung, die eine nicht unbeträchtliche Logistik erfordert.
Doch bevor es damit losgeht, will erst einmal die überflüssige Vorgeschichte überstanden sein, die Philippe Petit (mit aufdringlich französischem Akzent: Joseph Gordon-Levitt) uns – gern auch immer mal wieder direkt in die Kamera sprechend – mitzuteilen hat: seine jugendliche Faszination für das Seiltanzen, die Freundschaft mit dem Zirkuskünstler Papa Rudy (Ben Kingsley), der ihn in die Geheimnisse der Hochseilartistik einweiht, seine Liebe zur Musikerin Annie (Charlotte Le Bon).
In New York angekommen, gewinnt die Geschichte des egomanischen Franzosen schließlich doch noch  erheblich an Fahrt, ehe sich die Spannung in dem kühnen Drahtseilakt entlädt: ein Spektakel ganz gewiss, aber doch mit eher zweifelhaftem Poesiegehalt.    ?    

Text: Lars Penning

Foto: Sony Pictures

Orte und Zeiten: „The Walk“ im Kino in Berlin

The Walk USA 2015; Regie: Robert Zemeckis; Darsteller: Joseph Gordon-Levitt (Philippe Petit), Sir Ben Kingsley (Papa Rudy), Ben Schwartz (Albert); 123 Minuten

Kinostart: Do, 22. Oktober 2015

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