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„Wall Street: Geld schläft nicht“ im Kino

Wall Street: Geld schläft nicht

Wer bei Geld an Gordon Gekko denkt, hat deswegen nicht gleich den Kapitalismus verstanden. Der kriminelle Broker aus Oliver Stones „Wall Street“ (1987) gilt bis heute als das Gesicht einer Ära der entfesselten Gier, und damit als das wahre Gesicht des Kapitalismus. Die Achtzigerjahre erscheinen nicht ohne Grund als die Zeit, in der das Finanzdesaster von 2008 grundgelegt wurde, und in dieser Intuition, die Stone damals schon hatte, liegt der Mythos von „Wall Street“ begründet. Es liegt also geradezu auf der Hand, dass jetzt der Zeitpunkt für eine Fortsetzung gekommen ist: Was ist aus Gordon Gekko geworden in all den Jahren, in denen die Wall Street so fundamental von der „Hauptstraße“ (main street) abzweigte, auf der die ganz normalen Menschen ihre Geschäfte machen?
Die Sache ist natürlich ganz einfach: Er saß im Gefängnis, und erst als er wieder in die Freiheit der finanziellen Wildbahn entlassen wird, kann die Sache so richtig losgehen. Diese Entlassung ist eine der ersten und im Grund auch schon die einzige gewitzte Szene in Stones Fortsetzung – das monströse alte Mobiltelefon, das ihm wieder ausgehändigt wird, die Stretch-Limousine, die nicht für ihn vorfährt, sondern für einen schwarzen Gangsta, all das sind Momente einer lustigen Kränkung, die einfach darauf beruht, dass da gerade jemand bemerken sollte, dass er zum alten Eisen gehört.
Wall Street: Geld schläft nichtEin Mann wie Gordon Gekko aber ist für diese Erkenntnisse nicht gemacht, er wirft sich gleich wieder ins Geschehen. Stone erzählt „Wall Street: Geld schläft nie“ weitgehend aus der Perspektive des jungen Jake Moore (Shia LaBeouf), der an der Wall Street vor allem tätig ist, um Geld einzusammeln für ein grünes Energieprojekt, das ein wenig wie die stromlegende Gasölmilchsau anmutet, also viel Vertrauen vorweg braucht. Jake ist zufällig der Herzensmann von Winnie Gekko (Carey Mulligan), die mit ihrem verruchten Vater nichts mehr zu tun haben will.
Der Film bekommt dadurch so etwas wie ein emotionales Projekt – wird es dem großen Manipulierer und Verführer Gordon Gekko gelingen, seine Tochter wieder auf seine Seite zu bringen und dabei wie gewohnt die Wall Street aufzumischen? Wie so oft bei Oliver Stone geht es auch hier um einen zwiespältigen Genuss. Er will die alte Logik der männlichen Durchsetzungskraft einerseits nicht preisgeben (deswegen bleibt Michael Douglas auch hier, 23 Jahre älter, das Alphatier mit wehender Mähne und autoritärem Reibeisen-Bass), andererseits will er neuen Ideen zum Durchbruch verhelfen, was wiederum Shia LaBeouf mit leutseligem Blick in das Dickicht der Finanz­brache laufen lässt.
Die ganz simpel ödipal strukturierten Konflikte lässt Stone bei grotesken Protzereien wie einem Motorradrennen durch den Wald eskalieren, und irgendwann fragen sich zartbesaitete Teenager vielleicht, woher der sensible Jake Moore den Mumm nimmt, sich in dieser Welt nicht unterkriegen zu lassen. Der Mumm ist aber eben die Kehrseite einer systemischen Dummheit, die glauben machen soll, dass Lauterkeit den Kapitalismus zähmen wird können. Darauf läuft „Wall Street – Geld schläft nicht“ hinaus, wobei das lächerliche Ende (das stark nach einem Nachdreh aussieht) ohnehin alles privatisiert, was an Interesse für eine komplexe Welt vielleicht anfänglich irgendwo noch da war. Geld schläft vielleicht wirklich nicht, auf diesen Wachtraum von Oliver Stone aber ist ein Nickerchen wahrscheinlich die gescheiteste Reaktion.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Ärgerlich

Orte und Zeiten: „Wall Street: Geld schläft nicht“ im Kino in Berlin

Wall Street: Geld schläft nicht (Wall Street: Money Never Sleeps), USA 2010; Regie: Oliver Stone; Darsteller: Michael Douglas
(Gordon Gekko), Shia LaBeouf (Jake Moore), Josh Brolin (Bretton James); 110 Minuten

Kinostart: 21. Oktober

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