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Walter Salles im Interview

On The Road

tip Mr. Salles, „On The Road“ ist ein formal recht konventioneller Film. Sie hätten mit Ihrem Quellenmaterial viel experimenteller umgehen können. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Walter Salles Das Buch hat eine sehr impressionistische Qualität. Wir hätten uns an den experimentellen Filmen der 50er-Jahre orientieren können, wie denen von Stan Brakhage. Dann wäre es kein narrativer Film geworden, sondern hätte uns dem kurzen improvisierten Film nähergebracht, den Robert Frank mit Ginsberg und Kerouac gedreht hat. Oder wir hätten versuchen können, nachzuahmen, wie Frank in „The Americans“ mit Schwarzweiß gearbeitet hat. Aber wir wollten lieber eine impressionistische, sensorische Erzählung, die wie in „Motorcycle Diaries“ in Schichten konstruiert ist, die einen sehen lassen, wie sich die Figuren von Szene zu Szene verändern, ohne dass man zu irgendwelcher Kameragymnastik greifen müsste. Ich wollte es nicht ästhetisieren. Mein Kameramann sagte: Das ist ein Film über eine Gruppe von Leuten, die die Realität verweigern, wie sie ist, und die mit einer sehr konservativen Gesellschaft kollidieren. Der Wandel vollzieht sich hier in der Gruppe. Anders als bei „Motorcycle Diaries“, wo der Wandel durch eine äußere Erfahrung eingeleitet wird. „On The Road“ erzählt von Leuten, die tausend Meilen weit für ein gutes Gespräch fahren. Ästhetisch betrachtet wollten wir die dokumentarischen Qualitäten mit fiktionalen Elementen vermischen, was nicht einfach ist.

tip Der Roman selbst ist ja schon ein Hybrid aus dokumentarischen Notizen und ihrer Fiktionalisierung.
Walter Salles Aber das wissen wenige Leute. Viele denken, es wäre ein Abbild dessen, wie sie gelebt hätten. Aber tatsächlich unterscheidet es sich sehr. Es ist das Erlebte und das, was Kerouac sich dazu ausmalte.

tip Ist Ihnen das reale Drama nicht manchmal filmisch interessanter erschienen als das literarische Opus?
Walter Salles Deswegen sind wir zu den Quellen gegangen. Ich habe ja parallel eine Doku gedreht, für die wir viele der Figuren interviewt haben. Und wir haben uns natürlich vieles aus den Tonarchiven besorgt. Oft waren die Fakten viel brutaler, als es im Buch erscheint, wie die Trennung zwischen Dean und Camille. Wir haben aber versucht, das im Film abzubilden.

On The Roadtip Haben Sie nicht daran gedacht, sich noch weiter vom Buch zu entfernen?
Walter Salles Ich habe das Buch mit 18 gelesen, 1974 in Brasilien, in den schlimmsten Jahren der Militärdiktatur. Alles wurde zensiert, im Kino, in den Zeitungen, in der politischen Gesinnung. Diese Geschichte von Leuten, die auf der Suche nach jeder denkbaren Form der Freiheit sind, mit Sex und Drogen ihr Verständnis von der Welt ausdehnen wollen, war das exakte Gegenteil von dem, wie wir damals lebten. Als ich die Adaption machte, wollte ich dieselbe Qualität erreichen.

tip Sie lassen die Figuren erstaunlich unschuldig erscheinen.
Walter Salles Neal Cassadys Sohn John hat uns vor dem Dreh gesagt: Dieser Film ist nicht über die Beatgeneration. Er geht ihr sieben, acht Jahre voraus. Man sieht diese Leute im Stand ihrer Unsicherheit. Kinder von Emigranten, 17, 18 Jahre alt, die keinen Platz in der konservativen Gesellschaft finden – und mit ihr kollidieren. Sie haben begonnen, alles neu zu definieren. Familie, Sex, was Drogen mit einem machen können. Kerouac hat „The Subterraneans“ in drei Tagen durchgeschrieben. Das alles aus dem Buch wollte ich im Film wiederfinden.

tip Zugleich haben Sie natürlich als Filmemacher eine historische Perspektive. Sie wissen, was aus diesen Leuten später wurde, wie aus Kerouac, der als Redneck-Alkoholiker auf dem Sofa seiner Mutter endete.
Walter Salles Ich wollte sie weder beurteilen, noch einen Hinweis geben, was aus ihnen 30 Jahre später werden würde. Ich glaube, es wäre unfair. Wir begegnen ihnen im Film in einem Alter, in dem sie mehr Zweifel als Sicherheit haben. Es wäre, als hätte ich die „Motorcycle Diaries“ gemacht, mit Blick darauf, wie es mit Che Guevara in der Sierra Maestra zu Ende geht. Dazu hat man kein Recht.

On The Roadtip Der Film entwickelt sich langsam, ohne großes Drama. Die Zurückhaltung wiederholt sich bei Ihren Hauptakteuren, bei denen Sie sich auch gegen sehr markante Physiognomien entschieden haben.
Walter Salles Aber das ist eine Geschichte übers Heranwachsen. Marylou war 16, als sie in New York ankam, Dean war kaum 18, Saul war der Älteste, und er war 25. Die Ikonografie dieser Generation ist zu einem anderen Zeitpunkt entstanden als der Film spielt, es gibt davon auch keine Originalfotos. Unsere Erinnerung ist in gewisser Weise verseucht von Informationen, die mit der ursprünglichen Ära gar nichts zu tun haben. Die Beat Generation wurde Jahre später ausgerufen.

tip Wenn man mit Ihnen spricht, bekommt man die Idee, dass der sanfte Umgangston des Films sehr viel mit Ihnen zu tun haben könnte. Bis hin zur Besetzung der Hauptrolle mit Sam Riley, der  fast schüchtern wirkt.
Walter Salles Aber so war Kerouac auch. Zum ersten Interview ist er gleich gar nicht erschienen. Als sein Agent in sein Apartment kam, lag er vor lauter Angst gelähmt auf dem Boden. Sam hat eine menschliche Qualität hinzugefügt. Jemand, der die Welt betrachtet, ohne zu urteilen.

tip Das Projekt hat eine lange Vorgeschichte.
Walter Salles Es gab ein paar Inkarnationen. Die ersten Drehbücher gab es in Hollywood. Am Ende starb Dean Moriarty in einem Autounfall, als müsste er bestraft werden. Als Francis Ford Coppola (nun Produzent des Films, Anm.d.Red.) involviert wurde, gab es mehr Respekt für diese Figur. Seine Arbeit an „The Outsiders“ und „Rumble Fish“ war von Kerouac geprägt, aber für „On The Road“ waren die konservativen Reagan- und Bush-Jahre nicht die richtige Epoche.

tip Es gab zwischenzeitlich andere Arbeiten zum Thema, Stephen Kays Spielfilm „The Last Time I Committed Suicide“ etwa, der von den selben Jahren erzählt wie Sie. Hat er Ihren Weg ästhetisch blockiert?
Walter Salles Nein, weil meine Verbindung zum Buch so persönlich war. Das war mir wichtiger als alles andere. Die Filmemacher, die mich heute am meisten interessieren, sind Jia Zhang-Ke und Nuri Bilge Ceylan. Wenn ich „Still Life“ oder „Once Upon A Time In Anatolia“ sehe, bin ich fasziniert davon, wie ökonomisch die Erzählung ist und dabei zugleich so ausdrucksstark. Das ist das wahre humanistische Kino. Da will ich immer mehr hin.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto: Gregory Smith / 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Lesen Sie hier die Filmkritik: „On the Road – Unterwegs“ im Kino in Berlin

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