Kino & Stream

Waltz with Bashir

Am 14. September 1982 riss eine Bombe Bachir Gemayel in den Tod. Gemayel, der christlich-pha­lan­gistische Vorsitzende der Kata’ib-Partei, war kurz davor mit Deckung der israelischen Besatzer zum Präsidenten des Libanon gekürt worden. Die Wut seiner Anhänger war grenzenlos. Zwei Tage später marschierten phalangis­tische Milizionäre unter den Augen ihrer israelischen Verbün­deten in das Palästinenser-Lager von Sabra und Schatila ein und begannen ein Massaker an jenen Zivilisten, die nach dem Exodus der PLO aus Beirut dort noch verblieben waren. In drei Belagerungsringen hatte die israelische Armee, die im Libanonkrieg bis nach Westbeirut vorgestoßen war, das Quartier eingekreist. 43 Stunden sahen ihre Beobachter vom Hochhausdach der benachbarten kuwaitischen Botschaft dem Morden zu, bis der israelische Oberkommandierende die Pha­langisten zurückrief. Ein einfa­ches Machtwort, und ihr blutiges Treiben war beendet.

Waltz with Bashir
Ari Folman gehörte zu den israelischen Soldaten im dritten Ring. Er war 19, gewöhnlicher Rekrut der israelischen Armee. Nachts sorgte seine Einheit mit Leuchtgranaten dafür, dass die Killer ihre Arbeit tun konnten. „Wir waren wirklich ahnungslos, was da passierte, bis es vorbei war. Wir haben uns um das gekümmert, was in unserer kleinen Einheit passierte. Wir haben das Gesamtbild nicht gesehen“, sagt Folman bei unserem Gespräch in einem Berliner Hotel. Man erkennt ihn leicht mit seinem Kurzhaarschnitt und dem akkurat getrimmten Bart, er gleicht seiner Filmfigur in „Waltz With Bashir“. Auch jetzt umgibt ihn dieses leicht erschöpfte und zugleich unruhige Flair, das man aus dem Film kennt.


Lange verdrängte Folman, so sagt er, die Erinnerung an seine Armeezeit, wütend auf die Politiker seines Landes. Er machte eine Regiekarriere im Kino und Fernsehen und vertagte die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit. Ein Paradox: Kaum ein Ereignis war so präsent in Israel wie das Massaker von Sabra und Schatila: 300.000 Demons­tranten forderten noch im September 1982 in Tel Aviv den Rück­tritt des Verteidigungsministers Ariel Scharon. Bücher, Dokumentationen und eine Untersuchungskommission arbeiteten danach den Weg zum Massaker auf.

Waltz with Bashir
Diese Geschichte als Animationsfilm zu erzählen erfordert einen gewissen Irrsinn, doch Ari Folman nutzt die Möglichkeiten, die ihm diese Kinoform gibt, mit Gewinn. Für seinen Film interviewte er Freunde, ehemalige Kameraden, Psychologen und folgt ihnen nun in die Welt, die sich in diesen animierten Gesprächen öffnete. Die Ästhetik der halb realen Bilder, die von einem Augenblick zum nächs­ten ihre düsteren Fantasieblüten in jede Richtung treiben können, erinnert an Richard Linklaters Rotoskop-Animationsfilme „Waking Life“ und „A Scanner Darkly“. Folmans Werk ist allerdings mit einem anderen Verfahren hergestellt, die Bilder sind handgearbeitet, ruhi­ger, auch wenn sie jederzeit die wildesten visuellen Verschmelzungen erlauben. Auf den Unterschied in der Herstellung legen Folman und seine Ani­matoren großen Wert.


„Waltz with Bashir“ ist eine aus streng subjektiven Perspektiven komponierte, zugleich kaleido­sko­pische Erzählung, die sich bruch­los zwischen Realitätsebene und verdrängter Erinnerungswelt bewegt, zwischen Träumen und Traumata. Es ist ein Kriegsfilm, in dem der Feind kaum je sichtbar ist, eine Aneinanderreihung von Absurditäten und Kollateralschäden, zynischen Kriegsromanen wie „Catch 22“ eng verwandt oder Joe Saccos journalistischer Graphic Novel „Palestine“.

Waltz with Bashir
Erst in den Schlussbildern durchbricht Folman das Konzept, das den Horror zuvor doch immer auch zähmte, wenn er dokumentarische Aufnahmen der realen Opfer des Massakers zeigt. Ein riskantes Un­terfangen, diese Bilder derart aufeinanderprallen zu lassen, doch Folman ist überzeugt von der Entscheidung: „Ich wollte verhindern, dass jemand aus dem Kino gehen und denken könnte, dass das ein cool ani­mierter Antikriegsfilm war. Es rückt alles in die richtige Perspektive. So sieht es aus, wenn mehr als 3000 Menschen abgeschlachtet werden, die meisten davon Kinder, wehrlose Frauen, Alte.“

Waltz with Bashir


Vieles bleibt in Folmans Film dennoch unberührt. Er vermeidet es, sich auf die politischen Hintergründe einzulassen, zeigt den seinerzeitigen Regierungschef Menachem Begin nur sekundenkurz, kaum länger Ariel Scharon beim gemütlichen Frühstück auf seiner Farm, als er den Anruf eines über das Massaker bestürzten Journa­listen bekommt. Kaum gestreift werden die unehrenhaften Entlassungen von israelischen Soldaten, die es gab. „Weil es Gemeinwissen ist“, entgegnet Folman. „Ich finde nicht, dass sich der Film der Frage der Verantwortlichkeit entzieht. Er spricht davon, es ist alles da. Aber ich habe eine Linie gezogen. Ich wollte nicht vier Jahre meines Lebens darauf verschwen­den, gegen die Befehlshaber zu ermitteln.“
Stattdessen geht die Reise ins Innerste der israelischen Gesellschaft. Folman nähert sich langsam einem Motiv, das seine Arbeit organisiert haben mag. Es ist die traumatische Erkenntnis seines Filmhelden, die ein befreundeter Psychologe zuerst ausspricht, als er seine Rolle im Belagerungsring adressiert: „Du warst 19, und sie haben dich für die Rolle des Nazis gecastet.“ Das ist ein starkes Wort.

Waltz with Bashir


Ari Folmans Eltern sind Überlebende von Auschwitz, die ihre gesamten Familien in der Shoah verloren haben. Seine Mutter ist heute 86, sie war in Cannes, als der Film dort in diesem Jahr im Wettbewerb lief und enthusias­tische Kritiken bekam. Der Vater stand der Idee, sich mit dem Massaker zu beschäftigen, noch zu Lebzeiten skeptisch gegenüber.
Was war die Perspektive der Eltern darauf? „Ich weiß nicht, die sind tougher als ich“, erwidert der Regisseur, „deshalb sind sie Survivors. Mein Vater war zionistischer als ich, meine Mutter ist total linksliberal. Wissen Sie, in Israel wurde ich nie nach Bezügen zum Holocaust in meinem Film gefragt. Diese Bezüge habe ich ja nicht erst hineingelegt. Die waren in den Interviews, die ich für den Film geführt habe, wenn der Journalist etwa zum Lager geht und das Kind sieht. Ich wurde in Israel nie danach gefragt, weil es so offensichtlich ist. Der Holocaust ist wirklich in der DNS des Landes. Das ist der Grund, warum es diese heftige, empörte Reaktion nach dem Massaker in Sabra und Schatila gab. Es wird nicht als Tabu behandelt, mit dem man nichts in Beziehung bringen darf. Es ist sehr offen. Easy talk. Der Journalist geht zum Lager, er sieht die Reihe dieser Leute, er ist Jude, es ist offensichtlich, was er sieht. In Deutschland ist die Reaktion: Wie kann man, ist es erlaubt, ist es okay, das zu sagen!? Es gibt keinen Vergleich. Ich verstehe immer noch nicht, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, wie kann ich mich mit Vergleichen beschäftigen. Meine Schwestern sahen in „Waltz With Bashir“ in jedem einzelnen Filmbild den Holocaust. Die sagen mir: „Wir glauben dir nicht, dass es in dem Bild der jungen Männer, die aus dem Wasser steigen, nicht einen ganz deutlichen Bezug zum Holocaust gibt. Warum sind die so mager?“ Ich sage: „Weil wir so dünn waren.“ Sie sagen: „Nein!“ Für sie ist alles damit verbunden. Aber natürlich gibt es noch einmal eine andere Perspektive, wenn ich nach Deutsch­land komme.“

 Waltz with Bashir


Welche Arbeit „Waltz With Bashir“ anderswo und vielleicht auch hierzulande leisten kann, hat vor allen anderen das israelische Außenministerium begriffen. „Auch wenn die Armee in lächerlichem Licht gezeigt wird, führt der Film doch vor, dass Israel ein pluralistisches Land ist“, sagt Folman später. „Weil es den Film unterstützt, finanziert hat. Und den 500.000 Franzosen, die den Film gesehen haben und von denen die meisten zuvor glaubten, es wären israelische Soldaten gewesen, die das Massaker begangen hätten, erzählt er eine andere Geschichte. Also denkt das Ministerium, dass der Film etwas Gu­tes für uns leistet.“

Waltz with Bashir


Mittlerweile wurde Folmans Film von den israelischen Gremien auch für die Vorauswahl des Oscars für den besten fremdsprachigen Film nominiert, auch hier unterstützt die Regierung die begleitende Kampagne. „Aber sehen Sie sich doch an“, staunt Folman weiter, „wie die Armee und ihr Mythos dargestellt werden: Die Soldaten, die Pornos gucken, wie orientierungs­los sie sind. Aber bei jedem großen Premieren-Screening in Europa kommen die offiziellen Vertreter. Das hätte ich mir vor sechs Monaten nicht ausgemalt.“ 

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Waltz with Bashir Israel/Frankreich/Deutschland 2008; Regie: Ari Folman; Stimmen: Ari Folman, Ori Sivan, Roni Dayg; Farbe, 87 Minuten;
Kinostart: 6. November 2008

Mehr über Cookies erfahren