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„Waste Land“ im Kino

wastelandDie britische Dokumentarfilmerin Lucy Walker ist von Menschen in ex­tremen Lebenslagen fasziniert. „Devil’s Playground“ kreiste um Jugendliche der Amish-Sekte, „Blindsight“ um blinde tibetische Mount-Everest-Besteiger. „Waste Land“, in Ko-Regie mit Joгo Jardim und Karin Hartley entstanden und für den diesjährigen Oscar nominiert, führt in die stolze Gesellschaft der Catadores, der Müll-Arbeiter, die auf Rio de Janeiros gigantischer Kippe Jardim Gramacho unter miserabelsten Bedingungen nach recyclebaren Materialien suchen. Ihr Job füllt sinnvoll eine Lücke im blindwütigen Konsumismus der Millionenmetropole, ihr Arbeitsplatz ist eine stinkende, von Trucks und Planierraupen befüllte Wüste apokalyptischer Unnatur, die Kehrseite zum humanen Urschauplatz „Waste Land“, den T.S. Eliots Poem besingt. Und doch evoziert der Film nicht ohne Pathos eine solche Geschichte magischer Transformation.

„Waste Land“ ist das Porträt von sieben eindrucksvollen Überlebenskünstlern, die durch ein gelungenes Kunst-Stück ihr Leben verändern – so jedenfalls die sympathische Suggestion des 2010 fertig gestellten Films. Der brasilianische Fotograf und bildende Künstler Vik Muniz – selbst in Rio in kleinen Verhältnissen geboren und mit dem fatalen Kreislauf von Armut, Gewalt und Prostitution vertraut – initiierte als Gewinner des internationalen Kunstbooms eine Aktion des „Zurückgebens“, indem er mit Schützlingen aus dem „Jardim Gramacho“ ein Bildprojekt realisierte, das den Wohlstandsdreck zu ihren Gunsten zu Geld recycelt.

Lucy Walker verfolgt, wie Muniz seine Stars kennenlernt: Tiгo, den Chef der Organisation der Recycling-Arbeiter, Zumbi, den Bibliothekar des Kippen-Slums, Valter, den philosophischen Hippie, und Isis, Irma, Suelem und Magna, eigenwillige Persönlichkeiten, für deren Lebensdramen sich der Film Zeit nimmt. Muniz fotografiert sie wie Ikonen der Kunstgeschichte, Tiгo z. B. in der Pose des in der Badewanne ermordeten jakobinischen Revolutionärs Marat. Doch erst die Verfremdung und Akzentuierung der Riesenporträts mit Müllfundstücken, die Muniz‘ Modelle eigenhändig auftragen und der Fotograf im Atelier am Ort aufwendig reproduziert, mutieren zu Kunstprodukten, deren magische Kapitalisierung Tiгo am Ende mit bezeichnendem Schauder auf einer Auktion verfolgt. Was ändert das? Die Kippe bei Rio de Janeiro soll geschlossen werden, mithilfe von Muniz‘ Aktion und Lucy Walkers Film macht das dortige Recycling-Projekt jedoch zögerlich in Lateinamerika Schule.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Waste Land“ im Kino in Berlin

Waste Land Großbritannien/Brasilien 2009; Regie: Lucy Walker, Joгo Jardim, Karin Hartley; 99 Minuten; FSK 0

Kinostart: 26. Mai

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