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„Watchmen – Die Wächter“ im Kino

Watchmen - Die Wächter

Der 55-jährige britische Exzentriker ist der Szenarist der zwölf Kapitel von „Watchmen„, die er 1986/87 gemeinsam mit dem Zeichner Dave Gibbons zum monumentalen Metaroman über das Superheldengenre bündelte. Mit Preisen überhäuft, etablierte „Watchmen“ zusammen mit Frank Millers psychotischer Neudeutung des „Dark Knight“ und Spiegelmans Holocaust-Comic „Maus“ die Graphic Novel als ein literarisch ernst zu nehmendes Erwachsenen-Genre. An die Übersetzbarkeit ins Kino glaubt Moore nicht.
Angesiedelt ist „Watchmen“ in einem alternativen zeitgenössischen Universum, in dem die USA den Vietnamkrieg gewonnen haben, der Watergate-Skandal erstickt wurde und Richard Nixon in seiner fünften Amtszeit die Welt an den Rand eines Atomkriegs mit der UdSSR gebracht hat. Aus einer Vielzahl von Perspektiven und über einen Zeitraum von 50 Jahren erzählt Moore vor diesem Hintergrund von einem Mordkomplott gegen langsam alternde, leicht übergewichtige, allzu menschliche Kostümhelden, die sich der Verbrecher- und Kommunistenjagd verschrieben haben, aber durch ein Prohibitionsgesetz in den Ruhestand versetzt wurden. Nur zwei von ihnen sind Mitte der 80er Jahre noch aktiv: Dr. Manhattan, ein Wissenschaftler, der in einem Laborunfall zum semigöttlichen Wesen wurde (der einzige tatsächliche Superheld in „Watchmen“), und The Comedian, der rechtsradikale Mann für alle Fälle, der für Nixon die Schmutzarbeit macht: Auch Kennedys Ermordung geht auf sein Konto.
Der Witz von „Watchmen“ liegt darin, dass Moore die Geschichte der Super- und Kostümhelden, in deren Kontext sein Drama angesiedelt ist, explizit in seine Erzählung integriert, allerdings (so wie später bei den literarischen Figuren von „The League of Extraordinary Gentlemen“ und „Lost Girls„), als wären sie reale Phänomene einer leicht verschobenen Wirklichkeit. „Watchmen“ ist eine panoramatische Erzählung, die sich ausmalt, das 1938 mit dem Erscheinen des ersten „Superman„-Comics einsetzende „Goldene Zeitalter“ des Genres würde eigentlich in den publicityträchtigen Aktivitäten von selbst ernannten, kostümierten Verbrecherjägern seinen Ursprung haben, die Nachahmer in den sechziger Jahren fanden.?
Sie sind die Helden von „Watchmen“, unterschiedlich geprägt von Impotenzgefühlen und sadistischen Allmachtsfantasien, die sich unter den Nachteulen- oder Fetisch-Kostümen verstecken. Rückblenden, Zeitungsberichte, politische Essays, Fürsorge-Akten, Filmkritiken, Geschäftsberichte aus der Welt des Superhelden-Merchandisings, Comics im Comic: Die Materialfülle, die Moore in immer mehr Schichten über dieses Grundszenario legt, ist atemberaubend.
Zack Snyder, berüchtigt für seine Verfilmung von Frank Millers Bush-kompatiblem „300“-Comics, hatte also keine leichte Aufgabe bei seiner Adaption. 162 Minuten ist seine starfreie Filmversion lang (der dreistündige Direcor’s Cut liegt schon bereit), parallel hat er Subgeschichten aus dem Buch als Mockumentary und Animationsfilm adaptiert, die zwei Wochen nach der Kinopremiere auf DVD erscheinen werden.
Gemessen an der Komplexität der verschachtelten Vorlage, deren Gestaltung selbst schon extrem filmisch erscheint, konnte Snyder nur scheitern, aber der Versuch produziert trotz einer gewissen Schwerfälligkeit, die der Film selten abschütteln kann, immer wieder glitzernde Momente. Es ist der Triumph des Art-Departments über eine Filmerzählung, die sich anders als das Original nicht immer zwischen interessanterem Ernst und schwächerer Satire entscheiden kann und die man wohl tatsächlich besser im Kontext der Bonusmaterialien würdigen wird können. Ein grandioser Untergang, passend zur „Watchmen“-Welt, die auf ein apokalyptisches Ende zuzustreben scheint. Eine Fortsetzung von „Watchmen“ wird es nicht geben, aber eine Vorlage, die das Spiel noch weiter übertreibt, hat Moore inzwischen selbst geliefert. In seiner „Top 10“-Serie erzählt er von der Alltagsarbeit eines Polizeireviers in einer Welt, in der jeder, vom Baby bis zum Greis, ein Halbgott, Superheld oder doch mindestens – Kos­tümfetischist ist.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Watchmen – Die Wächter (Watchmen), Großbritannien/USA 2009; Regie: Zack Snyder; Darsteller: Malin Akerman (Silk Spectre II), Billy Crudup (Jon Osterman/Dr. Manhattan), Jeffrey Dean Morgan (Edward Blake/The Comedian); Farbe, 162 Minuten

Kinostart: 5. März 2009

Watchmen:?Tales Of The Black Freighter/Under The Hood erscheint als DVD Ende März in den USA, ab 6. April in Europa.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit „The Watchmen“-Regisseur Zack Snyder

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