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„We Need To Talk About Kevin“ im Kino

We Need To Talk About Kevin

Das böse Kind gehört zu den vertrauten Größen des Horrorfilms. In den 1970er-Jahren fand es seinen deutlichsten Ausdruck in der „Omen“-Trilogie; am Ende stand die Katharsis. Genau die aber verweigert uns dieser Film.
Dessen literarische Vorlage hat die Form eines Briefromans, was der Ich-Erzählerin Eva die Möglichkeit permanenter Selbstreflektion eröffnet. Das filmische Äquivalent wäre eine Off-Stimme gewesen, doch die schottische Regisseurin Lynne Ramsay hat eine ganz eigene Form gefunden, in der fragmentarisch erzählt wird. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen: Evas Leben mit Familie vor einem tragischen, katastrophalen Ereignis, ihr Leben alleine danach. Als Eva und Franklin sich kennenlernten, war sie Reiseschriftstellerin, er Seemann, da mag die Sehnsucht nach der Ferne sie zusammengebracht haben. Zum ersten Kind, Kevin, spürt sie Distanz, während Franklin ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinem Sohn entwickelt und alle Verdachtsmomente ignoriert, dass dieser böse sein könne. Dass Eva dem 15-Jährigen unterlegen ist, muss sie immer wieder schmerzhaft erfahren; für den Zuschauer wird dieser Eindruck noch dadurch verstärkt, dass sie von Tilda Swinton verkörpert wird, sonst ein Sinnbild der starken, selbstbestimmten Frau, die hier in einer Form von Selbstbestrafung nach der Tat ihres Sohnes am Ort der Schande und der Zurückweisung verharrt. Identifikation ist das Letzte, was der Film beabsichtigt, dazu tragen auch die zunächst nicht identifizierbaren Geräusche auf der Tonspur bei. Ein verstörender Film, für Frauen mit Kinderwunsch nicht unbedingt zu empfehlen.

Text: Frank Arnold

Foto: Fugu Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „We Need To Talk About Kevin“ im Kino in Berlin

We Need to Talk about Kevin, Großbritannien 2011; Regie: Lynne Ramsay; Darsteller: Tilda Swinton (Eva), John C. Reilly (Franklin), Ezra Miller (Kevin als Jugendlicher); 112 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 16. August

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