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„Weihnachten? Weihnachten!“ im Kino

Weihnachten? Weihnachten!

„Ich bin gerne beschäftigt.“ Mit diesem Satz spricht eine Frau in mittleren Jahren vielen anderen Menschen aus der Seele. Aber es gibt einen Haken: Psychische Probleme haben sie eingeholt, bis sie nicht mehr in der Lage war, ihre Arbeit im Pflegebereich zu bewältigen. Nun ist sie ein Fall für die sozialen Institutionen in Neukölln, dem Berliner „Problembezirk“.
Dass man die Realitäten von Neukölln vor lauter Problemen auch leicht übersehen kann, zeigt der großartige Dokumentarfilm „Weihnachten? Weihnachten!“ von Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert. Hier entsteht, ausdrücklich nach dem großen Vorbild des sowjetischen Revolutionsfilmers Dziga Vertov gestaltet, ein facettenreiches Bild der konkreten Umstände in Neukölln, gedreht im Krisenjahr 2008. Ein Weihnachtsmarkt mit 180 Standplätzen dient dabei als Ausgangspunkt, von dem aus sich die Beobachtungen verzweigen. Zahlreiche Menschen kommen zu Wort, und es ist keineswegs immer nur der Migrationshintergrund, der die Probleme macht. Es sind vielmehr die Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz insgesamt, die hier in den Blick geraten: Behinderungen, körperliche und psychische Erkrankungen kommen zu Bildungsferne und „Bedarfsgemeinschaften“ hinzu. Zur Entlastung in all diesen Schwierigkeiten haben die öffentlichen Institutionen „Regelsysteme“ (wie Schulen und Gesundheitswesen) geschaffen, die nun zurückgefahren werden.
In dieser Situation beweisen Hayn und Remmert, dass es gerade auch in Neukölln ein funktionierendes Zusammenspiel von Zivilgesellschaft (von Kirchengemeinden bis Rotariern) gibt, es häufig aber die öffentlichen Agenturen sind, die allein betriebswirtschaftlich denken. „Weihnachten? Weihnachten!“ zeigt, wie Deutschland vor Ort funktioniert – eine hoch entwickelte Gesellschaft, die von staatlichen Stellen zunehmend allein gelassen wird.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Weihnachten? Weihnachten!“ im Kino in Berlin

Weihnachten? Weihnachten!, Deutschland 2009; Regie: Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert; 82 Minuten; FSK k.A.; Kinostart: 9. Dezember

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