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„Weil ich schöner bin“ im Kino

Weil ich schöner bin

Charo ist 13 und in Berlin aufgewachsen. Zwischen Kreuzberg und Neukölln führt sie ein Leben wie viele andere Teenager in ihrem Alter: voller Sprünge und Unberechenbarkeiten. Vor dem Schultag schminkt man sich eilig mit der besten Freundin in der Damentoilette. In den Pausen wirft man den Jungs auf den Gängen zweideutige Blicke zu. Nachher hängt man in Parks herum und vertreibt sich die Zeit bei Karstadt am Hermannplatz mit dem Ausprobieren von Make-up und dem Betrachten von Kleintieren in Käfigen.
Charo kommt gerade in jene Lebensphase, die man als Pubertät bezeichnet. Ein Teil von ihr ist noch ganz Kind, ein anderer aber beginnt schon, sich über die kommenden Veränderungen bewusst zu werden. Und auch der Schulwechsel aufs Gymnasium steht im Herbst an. Aber noch ist heller Sommer in Berlin und Zeit für den mit der Freundin Laura zu erlebenden Übergang. Charo flirtet, beim Küssen stören Zahnspangen, die Freundschaften bekommen langsam andere als kindliche Bedeutungen.
Mariangel Böhnke spielt diese Charo in ihrer ersten Filmrolle. Man staunt und freut sich über ihre unverbrauchte, akzentuierte Präsenz, die in Frieder Schlaichs Film stets wach registriert wird von der für Details und kleine Gesten empfindsamen Kamera von Benedict Neuenfels. Zu Recht verlässt sich Regisseur Schlaich auf Böhnke und ihre mitreißende Darstellung eines Mädchens in der Pubertät, weil diese dem eigentlichen Ausgangspunkt seines Films einen entscheidenden, realistischen Dreh gibt. Denn „Weil ich schöner bin“ erzählt die Geschichte von Charos Passage zum Erwachsenwerden vor dem Hintergrund einer existentiellen, politisch motivierten Bedrohung: Charo ist nicht nur ein typischer Teenager, sondern hält sich auch illegal in Berlin auf.
Ihr und ihrer Mutter droht die Abschiebung nach Kolumbien, denn sie besitzen keine gültigen Aufenthaltspapiere. Als ihre Illegalität durch einen Zufall schließlich auffliegt, und die Polizei bald schon die Deportation der Mutter anordnet, soll Charo mit nach Kolumbien. In zwei Wochen steht die Reise zurück in ein Land an, das nicht ihre Heimat ist. Dort erwartet sie eine komplett andere Zukunft als die, auf die sie sich in Berlin vorbereitet hat. Schlaichs Regie verdichtet diese angespannte Kon­stellation einer bedrohten Pubertät nicht durch erwartbar kritische Komplikationen und Betroffenheitsmechanismen. „Weil ich schöner bin“ schlägt sich sowohl bei der dramaturgischen Fokussierung seines Themas als auch bei der Inszenierung ganz auf die Seite seiner jugendlichen Protagonistin. Und am Ende gelingt es Charo mit ihrem beharrlichen Insistieren auf eine „normale Kindheit“ in Berlin und den sich damit materialisierenden Wunschenergien, sich über die niederschlagenden Brandmarkungen der Illegalität hinwegzusetzen – einfach auch, weil sie schöner als die Realität sind.

Text: Michael Baute

Foto: Filmgalerie 451

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Weil ich schöner bin“ im Kino in Berlin

Weil ich schöner bin, Deutschland 2011; Regie: Frieder Schlaich; Darsteller: Mariangel Böhnke (Charo), Mira Aring (Laura), Angeles Aparicio (Inйs, Charos Mutter); 84 Minuten; FSK 6

Kinostart: 27. Dezember

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