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Weltdeutung in Cannes mit Kubrick, Vinterberg, Pitt und Resnais

Jagten„Jeder Film bringt seine Theorie selbst mit“, hat der Kinophilosoph Gilles Deleuze einmal geschrieben, was nicht heißt, dass diese Theorien gleich lesbar für einen Dritten sind. Das Filmfestival von Cannes ist mit seinem Überangebot von Erzählungen ein idealer Ort für die Premiere von Rodney Aschers Film „Room 237“ (in der Nebenreihe Quinzaine des Rйalisateurs), der die Geheimnisse eines Klassikers von Stanley Kubrick durch akribische Detailarbeit analysieren will. Fünf nerdige „Shining“-Fans geben darin ihre mitunter extrem abgedrehten Deutungen von Kubricks Film zum Besten, die sie nach tausendmaligem Schauen des Films gewonnen haben, im DVD-Einzelbildvorlauf oder in Projektionen, in denen sie die Filmbilder gleichzeitig vom Anfang vorwärts und vom Ende rückwärts laufend übereinander projiziert haben. Eine Technik, die jedenfalls denkwürdige Kinomomente produziert. 
Schlüssige Subtexte findet Ascher ebenso wie rein gagaistische Argumente für Verschwörungstheorien um Kubricks Beteiligung am Fake der Bilder von der Mondlandung oder Wolkengesichter in der Eröffnungssequenz von „Shining“, die wohl nur den deutungswütigsten Fans erscheinen. „Room 237“ ist ein Verwirrspiel voller Filmzitate, in dem der Regisseur gar nicht mehr aufhören kann, wechselnde Perspektiven aufeinander zu türmen und dabei lustvoll und unkonzentriert jedes Maß verliert.

Die Pressekonferenzen des Wettbewerbs sind für die Filmkritiker in Cannes eine schöne Gelegenheit, jeden Tag, die eigene Deutungsarbeit unmittelbar nach den Filmpremieren mit der Selbstwahrnehmung der Filmemacher abzugleichen. Oft genug gibt es hier die Bereitschaft der Regisseure, einfache Formeln für die eigenen Werke anzubieten, wie Thomas Vinterberg nach „Jagten“, in dem ein eindeutig unschuldiger Kindergartenerzieher (Mads Mikkelsen) verdächtigt wird, ein Kind missbraucht zu haben. Seine Märtyrergeschichte, die vom Zerreißen des sozialen Gewebes eines Dorfes unter Eindruck dieser Verdächtigungen erzählt, ist engagiert gespielt und durchaus packend. Aber die Ambivalenz, die im ganzen Unternehmen steckt, löschte Vinterberg in der Pressekonferenz halb wieder auf. „Vor 14 Jahren habe ich hier „Festen“ präsentiert“, sagte der dänische Regisseur fast entschuldigend. „,Jagden’ ist jetzt die Antithese dazu.“ Und setzte, als ob so viel Eindeutigkeit am Ende doch wieder unsicher werden lässt, hinzu: „Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte“.

Wo die Wahrheit liegt, schien Andrew Dominiks Wettbewerbsfilm „Killing Them Softly“ offen zu Tage zu liegen. Sein Gangsterdrama ist in den Tagen vor der letzten US-Präsidentschaftswahl angesiedelt. Die TV- Berichterstattung zur Wahl, die Reden von Bush, McCain und Obama liefern eine zweite Ebene, die die blutige erste ständig kommentiert.
Als Hommage und ironische Überspitzung des Genrekinos,  das seine Meta- Lektion bei Tarantino gelernt hat, parallelisiert der Film mit komödiantischer Lust die Regulationsmodelle der Mafia mit jenen der US- Ökonomie im Augenblick der Finanzkrise und entwickelt dabei mit einigem Zynismus ein eigenes Modell des gesunden Ausgleichs. 

„GoodFellas“-Star Ray Liotta spielt einen Mafiosi, der in seinem Spielsalon von zwei Amateurräubern überfallen wird, Soprano-Pate James Gandolfini hat eine schnaufende Nebenrolle als höchst unprofessioneller Hitman, den Brad Pitt in der Rolle des nüchternen Mafia-Killers schonend entsorgen muss. So offen setzt der Film Verbrechen, Politik und Ökonomie in Beziehung, dass man sich als Zuschauer fragt, welche Arbeit man selbst noch zu leisten hätte. Doch Dominik („The Assassination of Jesse James By The Coward Robert Ford“, 2007) legte selbst, eigentlich nach den Gewaltexzessen in seinem Film gefragt, unversehens mit Bruno Bettelheim und freudianischer Persönlichkeitstheorie nach: Seine sechs Hauptfiguren wären im Grunde nur zwei (so wie für Zizek die drei Marx-Brothers eigentlich nur eine dreigeteilte Person wären), jeweils aufgespalten in überkontrollierendes Über-Ich, triebhaftes Es und handelndes Ich, das in seinem Fall entweder triumphierend oder mit fünf Kugeln im Leib zwischen autoritärem und triebhaftem Pol vermitteln will. „Davon hatte ich ja keine Ahnung“, konterte Pitt leicht verschlafen.

Alain Resnais, selbst bald 90-jährig und immer aufgeweckt, übte sich wie sein Regiekollege Michael Haneke (siehe Cannes-Bericht zu „Liebe“) nach der Premiere seines jüngsten Films in interpretatorischer Zurückhaltung. Zu entschlüsseln gäbe es dabei nicht wenig in „Vous n’avez encore rien vu“ (Sie haben noch gar nichts gesehen!), in dem Resnais sein französisches Starensemble, die meisten seine Wegbegleiter seit Jahrzehnten, in eine vielfach ineinander verschachtelte Erzählung einlädt. Seine Akteure (u.a. Michel Piccoli, Sabine Azйma, Lambert Wilson, Anne Consigny, Pierre Arditi) spielen sich selbst, spielen zwei ineinander fusionierte Stücke von Jean Anouilhs („Eurydice“ und „Cher Antoine“), spielen Akteure aus drei Generationen, die „Eurydice“ spielen, solo oder synchron im doppelten oder vierfachen Splitscreen, während sie als Kinopublikum selbst einer Truppe junger Theaterschauspieler bei einer Aufführung von „Eurydice“ zusehen – eine unendliche Vervielfältigung der Bilder, wie in einem Spiegelkabinett. Das Altwerden und das Hineinschlüpfen in Rollen, die einer anderen Generation zugedacht sind, gehören zu den spielerisch angerissenen Themen des Films, die Liebe und die Sehnsucht, den Tod der anderen zu überwinden (oder sie eifersüchtig hineinzustoßen). Dass sein Plot mit dem Tod eines liebeshungrigen Theater-Autors einsetzt, der seine bevorzugten Akteure zur Testamentseröffnung in eine kunstvoll ausgestaltete Villa einlädt, gehört zu den doppelbödigen Elementen, mit denen Resnais in „Vous n’avez encore rien vu“ den Zuschauer konfrontiert. „Was wissen wir Erdlinge denn schon von der Welt, wir können doch nicht einmal infrarotes Licht sehen“, war Resnais Antwort auf eine der Journalistenfragen, die ganz woanders hingezielt hatte. Resnais’ Rätselspiele haben kein Ende. Sein nächster Film ist schon in Vorbereitung.

Text: Robert Weixlbaumer
Foto: Nordisk Film

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