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Weltpremiere von Roman Polanskis „The Ghost Writer“

Der Ghostwritertip Schon als das Buch erschien, hat man die Figur mit Blair gleichgesetzt …
Harris Deswegen habe ich vor und nach „Ghost“ mehrere historische Romane veröffentlicht, die im alten Rom spielen. Damit wollte ich vermeiden, dass man mich anklagte, einen Schlüsselroman geschrieben zu haben. Aber mittlerweile wurde auch bei meinem jüngsten Roman „Titan“ behauptet, dass Cicero für Peter Mandelson stände, den einflussreichen politischen Berater und Weggefährten von Tony Blair. Das ist schon verrückt.

tip Welche Idee hat Sie beim Schreiben von „Ghost“ geleitet? Meinen Sie, um Ihren Bezug zur Antike aufzunehmen, dass wir uns seit den Zeiten der Römer weiterent­wickelt haben – oder sehen Sie eher die Parallelen, das korrupte Element in der Politik?
Harris Ich habe das Gefühl, das römische politische System war sehr viel lebendiger und demokratischer als das der Gegenwart. Die Bevölkerung war näher dran an den Politikern. In Großbritannien ist die Politik langweilig geworden und entfernt vom Volk: Eine politische Klasse operiert in großer Distanz von der Bevölkerung und entscheidet, in den Krieg zu ziehen. Die römische Bevölkerung hätte das nicht geduldet. In Großbritannien haben wir ein Staatsoberhaupt, das nicht gewählt wurde – die Königin, einen Premierminister, der nicht vom Volk gewählt wurde, eine nicht gewählte Kammer, nämlich das Oberhaus, ein Parteiensys­tem, in dem die Bevölkerung nicht mitentscheiden kann, welche Kandidaten als Parlamentsabgeordnete aufgestellt werden – das ist einfach nicht so demokratisch wie das römische System, selbst wenn dort Frauen kein Wahlrecht hatten.

tip Der Ich-Erzähler in „The Ghost“ gibt seine professionelle Distanz im Verlauf der Geschichte auf. Sind Sie je in diese Versuchung geraten?
Harris Nein, ich musste mein Geld auch nie als Ghostwriter verdienen. Ich bin fasziniert von den Mechanismen der Macht und der Politik, aber ich könnte nicht selber in die Politik gehen, weil ich nicht glaube, dass ich alles opfern könnte im Interesse der Politik. Ich bin eher der Narr, der im Garten sitzt und ein Buch liest.

Interview: Frank Arnold

The Ghost Writer (Wettbewerb)
12.2., 19.15, Berlinale-Palast
13.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
13.2., 17.30, Urania
13.2., 22.30, International

Zur Person: Robert Harris (Jahrgang 1957) arbeitete nach seinem Literaturstudium zunächst als Journalist für die BBC, war später Politikredakteur des „Observer“ und politischer Kolumnist der „Sunday Times“. Gleich sein Romandebüt, der futuristische Thriller „Fatherland“ (Vaterland, 1992), wurde verfilmt, ebenso „Enigma“ und „Archangel“. Sein jüngstes Werk „Titan“ erschien im Herbst 2009.

Roman PolanskiRoman Polanski – Eine Chronik:
1977 wird Roman Polanski in den USA we­gen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen angeklagt. Er bekennt sich in einem Anklagepunkt schuldig, entzieht sich aber dem Urteil durch Flucht nach Europa, als ein Deal mit Richter und Staatsanwalt zu platzen droht. Als französischer Staats­bürger kann Polanski nicht an die USA ausgeliefert werden.
2008 weist Martina Zenovich in ihrer Doku „Roman Polanski – Wanted and Desired“ auf Mängel in der Prozessführung von 1977 hin und verschafft der Causa neue Öffentlichkeit. Die Einstellung des Verfahrens, die Polanskis An­wälte daraufhin anstrengen, wird vom US-Gericht abgelehnt.
26.9.2009 Auf dem Weg zum Zürich Film Fes­tival, das ihm einen Preis für sein Lebenswerk verleihen will, wird Polanski nach vorherigem Tipp der Schweizer an die USA?auf dem Flughafen Zürich ver­haftet. Grundlage ist ein internationaler Haftbefehl. Auf die Verhaftung reagieren prominente Kulturschaffende (u.a. Martin Scorsese, Woody Allen, Pedro Almodуvar) mit Petitionen zugunsten Polanskis. Auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick meldet sich: „Die Internationalen Filmfestspiele Ber­lin protestieren gegen die willkürliche Be­hand­lung Roman Polanskis.“ Henning Mol­fenter (Studio Babelsberg), Produzent des zu diesem Zeitpunkt noch in der Postproduktion befindlichen Films „The Ghost Writer“, sagt seine Festival-Teilnahme ab. Gegenstimmen kommen u.a. von Luc Besson und Daniel Cohn-Bendit, die darauf hinweisen, dass Polanski nicht über dem Gesetz steht. Die Solidaritätserklärung, die Senta Berger und Günter Rohrbach im Namen der Deutschen Filmakademie abgeben, muss nach Einwänden von Mitgliedern als persönliche Stellungnahme deklariert werden.
14.10.2009 Robert Harris meldet sich in der „Sunday Times“ zu Wort: „We will test to the upper limits the notion that there’s no such thing as bad publicity.“
23.10.2009 das endgültige US-Auslieferungs­begehren trifft beim Schweizer Bundesamt für Justiz ein.
25.11.2009 das Schweizerische Bundes­strafgericht gibt einer Beschwerde Polanskis gegen die Ablehnung des Haftent­lassungs­gesuches statt.
4.12.2009 Polanski wird gegen eine Kaution (4,5 Millionen Schweizer Franken) in einen elektronisch überwachten Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad entlassen, er muss seinen Pass abgeben. Das Auslieferungsverfahren läuft weiter. Er dirigiert von Gstaad weiter die Arbeiten an seinem Film.
15.12.2009 Die Berlinale teilt mit, dass „The Ghost Writer“ (Der Ghostwriter) seine Weltpremiere im Wettbewerb der 60. Berlinale haben wird.
12.2.2010 Zur Premiere werden die Hauptdarsteller Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Kim Cattrall, Olivia Williams und Autor Robert Harris erwartet. Mit dem Erscheinen von Roman Polanski ist nicht zu rechnen.

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