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„Wendy and Lucy“ von Kelly Reichardt im Kino

Wer Amerika durchquert, der trägt die Hoffnung auf einen Neubeginn in sich, ein Versprechen auf Freiheit, das besagt zumindest die Pop-Mythologie seit Jack Kerouac. Im Falle von Wendy, einer jungen Frau in den Dreißigern, gerät die Perspektive von Beginn an nüchterner: Sie ist mit ihrer Hündin Lucy auf dem Weg nach Alas­ka, um dort in einer Fischkonservenfabrik zu arbeiten. Eine lange Reise, die mit knappem Budget bewältigt werden will. Deshalb kann die geringste Behinderung rasch zur großen Bedrohung anwachsen: Als sich eines Morgens auf dem Parkplatz einer Mall Wendys Wagen nicht mehr starten lässt, ist das eine mittlere Kata­strophe. Dann wird sie auch noch beim Diebstahl in einem Supermarkt ertappt und verhaftet. Ihre Lucy findet sie danach nicht mehr dort vor, wo sie sie zurückgelassen hat.
Was passiert, wenn eine Einzelne auf eine Gesellschaft stößt, die an ihrem Schicksal kaum Anteil nimmt? Dies ist eine der Fragen von „Wendy and Lucy„, dem neuen Film von Kelly Reichardt. Die 45-jährige Independent-Regisseurin gilt seit „Old Joy“ (2006), ihrem feinsinnigen Film über die Irritationen einer Männerfreundschaft, als eine der eigenwilligsten Stimmen im US-Kino. „Die Idee war, jemanden in der Wildnis stranden zu lassen, um zu zeigen, wie schnell man verwundbar wird“, erzählt sie im In­terview und gerät in Aufregung, wenn sie über das Missmanagement nach der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans spricht, das auch ein Auslöser für den Film war. „Wir haben uns die Frage gestellt, wie man sich in der gegenwärtigen Situation in den USA einer neuen Herausforderung stellt. Die Idee des Ausgeliefertseins haben wir dann in eine Kleinstadt versetzt, also mitten in die Gesellschaft: Es gibt Leute um dich herum, Autos, Lärm –, aber du bist dennoch ganz allein und gefährdet wie im Dschungel.“ Reichardt gab ihr Filmdebüt bereits 1994 mit dem Roadmovie „River of Grass„, „Wendy and Lucy“ ist jedoch erst ihr dritter Film – ein kleines Kino, nahe an der Realität, ist in den Staaten nicht einfach zu finanzieren. Zu ihrem erweiterten „Team“ gehören Regiekollege Todd Haynes („Far From Heaven“), der als ausführender Produzent ihrer Filme fungiert, der Musiker Will Oldham und vor allem der Schriftsteller Jon Raymond, mit dem sie gemeinsam die Drehbücher schreibt – alle sind sie Teil einer lebendigen Szene, die eng mit der US-Stadt Portland, Oregon, verbunden ist.
Die Topografie von Reichardts Filmen, zumeist im pazifischen Nordwesten der USA angesiedelt, ist zugleich universell und spezifisch. Wendy strandet in einer jener amerikanischen Kleinstädte, die in ihrer uniformen Abfolge von Parkplätzen, Tankstellen und Einfamilienhäusern fast überall stehen könnte: „Die Gesichtslosigkeit der Orte ist deshalb wichtig, weil sie eine Gesellschaft wi­derspiegelt, die abweisend ist. Man kann sich da so verdammt allein fühlen. In Amerika geht es immer mehr um Selbstbezogenheit: Niemand schert sich mehr um Individualität: Alles wurde gleich.“

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