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„Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris“ im Kino

Eine kleine Felseninsel mit Zypressen im goldenen Abendlicht, auf die ein Boot mit einer aufrechten Figur im weißen Gewand zusteuert, vor ihr ein weißer Sarg: Arnold Böcklins Gemälde „Die To­teninsel“ formuliert das, was nach dem Sterben kommt, als Versprechen. Der Tod als Refugium, als entrückter Ort der Ruhe, Würde und Unantastbarkeit. Der Autor und Fernsehjournalist Jan Schmitt befragt in seinem sehr persönli­chen Dokumentarfilm „Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris“ leitmotivisch dieses Traumbild des Fin de Siиcle, versucht aus seiner morbiden Verheißung wie aus einem Negativ die Zumutungen eines irgendwann nicht mehr ertragenen Lebens zu rekon­struieren.
Der Freitod seiner Mutter liegt elf Jahre zurück und gibt noch immer Rätsel auf: Warum greift diese schöne, scheinbar starke Frau, die gerade eine neue Ausbildung absolviert und ihr Haus renoviert hatte, zu Tabletten? Er befragt Tagebücher, Briefe, Familie, Freunde; stößt auf Akten aus einem Waisenhaus, Vertuschungen, einen gescheiterten Mordversuch. Auf die haarsträubende Geschich­te eines systematischen sexuellen Missbrauchs. Und findet schließlich einen alten Mann, der einmal ein charismatischer Jesuitenpater war und noch immer eine ganze Familie in einem perfiden Netz aus Schuld und Scham gefangen hält. Die Kirche schweigt dazu wie in so vielen anderen Fällen.
Schmitts klug konstruierter Film entfaltet einen gewaltigen emotionalen Sog. Dem Zuschauer kommt die Ungeheuerlichkeit des Vergangenen ganz nah, ohne dass er zum Voyeur gemacht oder agitiert würde. Authentizität und Stilisierung sind vorsichtig austariert: Immer wieder hält der Autor der Kamera das eigene Gesicht hin, lässt seinen Off-Kommentar aber von August Diehl sprechen, die Texte der Mutter von Suzanne von Borsody lesen.
Dazwischen singt Meret Be­cker „An Land“ von Element of Crime, als Schlaflied, wie es Kinder sich selbst zur Beruhigung vorsingen.
Ohne dieses abgeklärte Nebeneinander der einzelnen Elemente wäre die Geschichte nicht zu ertragen. Ein elegischer Grundton schützt den Film vor jeder Skan­da­lisierung, auch wenn es dazu Anlass genug gäbe. Wenn der Tod zum Versprechen wird, muss das Leben von mächtigen Dämonen beherrscht sein.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris, Niederlande/Deutschland 2007; Regie: Jan Schmitt; mit Suzanne von Borsody (Sprecherin), August Diehl (Sprecher), Meret Becker (Gesang); Farbe, 80 Minuten;

Kinostart: 19. November


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